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Artikel zum
Thema Tauschringe
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WIR Wirtschaftsring-Genossenschaft von Michael Wünstel
Eine ungewöhnliche Genossenschaft "Gibst Du mir - so geb' ich Dir!" Mit diesem Satz beginnt die Werbeschrift einer schweizerischen Genossenschaft. Pierre Joseph Proudhon, der 1848 die Gründung einer Tauschbank "banque d'échange" vorschlug, sprach einmal davon, daß Gegenseitigkeit die Formel für Gerechtigkeit sei. Handelt es sich bei dieser Genossenschaft also um eine ideelle Organisation? Zwei Seiten weiter in der erwähnten Hochglanzbroschüre heißt es: "Dem Idealismus, sich gegenseitig zu berücksichtigen, liegen reale wirtschaftliche Interessen zugrunde." Der Leser erfährt, daß es sich um eine bankähnliche Einrichtung handelt, die für ihre Kunden eine geldlose Verrechnung und zinsgünstige Kredite anbietet. Wer die Zentrale in Basel betritt, kommt in ein modernes Gebäude aus Glas, Stahl und Beton, das den üblichen Bankenbauten in nichts nachsteht. Und doch findet der Besucher an diesem Ort keinen Bankschalter, wo er Geld einzahlen oder Geld abheben kann. Denn die Genossenschaft, um die es in diesem Artikel geht, arbeitet zwar wie eine Bank - aber ohne Geld und mit einem unwahrscheinlich niedrigen Zinssatz. Eigentlich sollte das Geld als Tauschmittel die Gegenseitigkeit zwischen den Wirtschaftsteilnehmern beim Austausch ihrer Leistungen herstellen. Daß das Geld aber nicht immer seine wichtige Tauschfunktion erfüllt, zeigte sich besonders während der Weltwirtschaftskrise nach dem Börsenkrach von 1929 mit weltweit hoher Massenarbeitslosigkeit und wird heute wieder deutlich, da wir vor dem Zusammenbruch auch des westlichen Wirtschaftssystems stehen. Wir befinden uns bereits mitten in der Krise und doch gibt es nur wenige, die sich mit der Frage nach einem Ausweg beschäftigen. Es war vor über 50 Jahren, im Jahre 1934, als sich Anhänger von Silvio Gesell aufmachten, um die Vorschläge des deutsch-argentinischen Kaufmanns für ein umlaufgesichertes und krisenfreies Geld in die Tat umzusetzen. In Zürich wurde die WIR Wirtschaftsring-Genossenschaft gegründet mit dem Ziel, eine Selbsthilfe für mittelständische Unternehmen zur Überwindung der damaligen Absatzkrise zu schaffen. Anstelle mit Geld arbeitet der WIR mit Verrechnungseinheiten, die auf offizielle schweizer Franken lauten. Ähnlich wie bei Girokonten einer Bank werden Konten für die Teilnehmer geführt, auf denen Einnahmen und Ausgaben verbucht werden. Der Vorgang entspricht einer Kontokorrentbuchführung, bei der die Forderungen und Verbindlichkeiten gegeneinander aufgerechnet werden, das heißt die Rechnungen werden durch Gegenleistung ohne Geldzahlungen beglichen. WIR - das aktive Geld WIR-Teilnehmer bezahlen Einkäufe mit WIR-Buchungsanweisungen, die wie Verrechnungsschecks aussehen. Auf der Buchungsanweisung (BA) steht bereits eingedruckt der Name des Ausstellers. Noch einzutragen sind der Name und die Konto-Nummer des Empfängers sowie der Betrag, der dem Empfänger gutgeschrieben werden soll. Der BA ist mit Datum und Unterschrift des Ausstellers zu versehen. Den WIR-BA sendet der Empfänger im verschlossenen Briefumschlag an eines der WIR-Regionalbüros zur Gutschrift auf seinem Konto. Seit 1990 haben die WIR-Teilnehmer zusätzlich die Möglichkeit, mit einer WIR-Zahlkarte, einer elektronisch lesbaren Plastikkarte, zu bezahlen. Neben dieser Möglichkeit der bargeldlosen Bezahlung bietet der WIR auch Kredite an. Für Bau- und Hypothekarkredite liegt der Zinssatz bei nur 1 3/4 Prozent pro Jahr, wobei bei Bauvorhaben der WIR-Anteil auf maximal 20 Prozent der Baukosten begrenzt ist. Der Zinssatz kann deshalb so niedrig sein, weil der WIR sich die Liquidität für diese Kredite nicht am offiziellen Geldmarkt besorgen muß. Zwar müssen die Kredite bis zu einem gewissen Prozentsatz durch Eigenmittel gedeckt sein, aber die WIR-Kredite stellen nichts anderes als Computerzahlen dar, die genauso wenig kostenmäßig ins Gewicht fallen, wie das Papier, auf dem Geld gedruckt wird. Während ursprünglich eine prozentuale Gebühr auf die WIR-Guthaben bezahlt werden mußte, wurde diese Umlaufsicherung aus "ideologischen" Gründen 1952 aufgegeben. Trotzdem werden WIR-Guthaben nicht verzinst, so daß kein Anreiz besteht, Guthaben anzuhäufen. Die WIR-Zahlungsmittel zirkulieren im eigenen Kreislauf, das heißt wer Einnahmen in WIR hat, kann diese nur an andere WIR-Teilnehmer wieder ausgeben. Die WIR-Teilnehmer fördern sich auf diese Weise gegenseitig. Es wird dabei nicht immer zu 100 Prozent in WIR bezahlt, so daß zusätzlich auch in bar Umsätze getätigt werden. Man rechnet damit, daß der Gesamtumsatz (WIR + Bargeld) das Dreifache des reinen WIR-Umsatzes ausmacht. Eine erfolgreiche Idee Die Bedeutung des WIR hat in den letzten beiden Jahrzehnten erheblich zugenommen. Hierzu einige Zahlen: während in den 50er Jahren die WIR-Umsätze kaum die 50-Millionen-sFr.-Grenze überschritten, erreichte der WIR im Jahre 1970 bereits einen Umsatz von über 200 Millionen schweizer Franken (sFr.). Der kontinuierliche Anstieg wurde allerdings in den 70er Jahren unterbrochen und setzte erst wieder in den 80er Jahren ein mit Wachstumsraten von deutlich über zehn Prozent jährlich. Von 1981 stieg der WIR-Umsatz von 275 Millionen sFr. auf 1.788 Millionen sFr. im Jahre 1990. 1991 wurde die Grenze von zwei Milliarden sFr. überschritten. Der Erfolg des WIR spiegelt die gesamtwirtschaftliche Entwicklung und besonders die Hochzinsphase in den 80er Jahren wieder. Steigende Finanzierungskosten durch hohe Zinsen und zunehmender Konkurrenzdruck machen den WIR als alternative Zahlungsart für mittelständische Unternehmen immer attraktiver. In etwa parallel zur Umsatzentwicklung stieg auch die Zahl der Teilnehmer. Betrug die Anzahl der WIR-Konten 1981 noch 24.642, so waren es im Jahre 1990 56.309. Je größer die Teilnehmerzahl ist, um so mehr Möglichkeiten gibt es, Waren und Leistungen untereinander auszutauschen. Ein größeres Angebot bietet dem einzelnen Teilnehmer auch mehr Chancen, seine WIR-Einnahmen wieder für ihn nutzbringend einzusetzen. Nicht immer gelingt dies, was sich daran zeigt, daß WIR-Guthaben immer wieder unerlaubterweise mit einem erheblichen Abschlag gegen offizielles Geld verkauft werden. WIR-Teilnehmern, die bei solchen verbotenen Handlungen erwischt werden, droht der Ausschluß aus der WIR-Verrechnung. Die WIR-Geldmenge (Verrechnungseinheiten) hat sich innerhalb von zehn Jahren versechsfacht von 103 Millionen sFr. im Jahr 1981 auf 613 Millionen sFr. im Jahr 1990. Der Anstieg der WIR-Geldmenge zeigt, daß eine größere Zahl von Teilnehmern auch eine größere Geldmenge benötigt, damit das entsprechend größere Angebot an Waren und Leistungen auch ausgetauscht werden kann. Dem WIR wurde häufig vorgehalten, daß er durch sein eigenes Geld zur allgemeinen Inflation beitragen würde. Die Kritiker übersehen dabei, daß die WIR-Liquidität nur entsteht, wenn entsprechende Waren beziehungsweise Leistungen angeboten werden sollen. Niemand nimmt einen Kredit auf und zahlt die dafür laufend entstehenden Kosten, ohne diesen Kredit für den Kauf von Produkten zu verwenden. Der WIR-Geldmenge stehen also immer Waren beziehungsweise Leistungen gegenüber. Inflation kann aber nur entstehen, wenn mehr Geld ausgegeben wird, als Waren produziert werden. Die Ursachen für Preissteigerungen liegen ausschließlich in dem bestehenden Geldsystem und nicht bei den Marktteilnehmern, also weder beim Arbeitnehmer, der mehr Lohn fordert, noch beim Geschäftsmann, der höhere Preise verlangt. Dies gilt auch für die WIR-Teilnehmer, die für die Geldpolitik der Notenbank genauso wenig verantwortlich gemacht werden können wie die übrigen Wirtschaftsteilnehmer. Unternehmer fördern sich gegenseitig In der kapitalistischen Wirtschaftsordnung gilt ein absolutes Konkurrenzprinzip, das zur Monopolisierung in der Wirtschaft führt. Jedes Unternehmen steht unter dem Zwang: "Schlucke, bevor du selbst geschluckt wirst!" Wer nicht wachsen kann, muß weichen. Dies gilt für die Landwirtschaft, für den Einzelhandel und für alle anderen Bereiche der Wirtschaft ebenfalls. Daß aber selbst große Unternehmen bei diesem Zwang zu ständigem (quantitativen) Wachstum auf der Strecke bleiben, hat sich nicht nur an dem bundesdeutschen Beispiel des Elektronkonzerns AEG gezeigt. Die Ursache hierfür liegt in unserem Geldsystem, das durch Zins und Zinseszins einen ständigen Wachstumszwang auslöst. Unternehmen, die den Zins für das in ihnen eingesetzte Kapital nicht mehr aufbringen können, gelten als unrentabel und müssen schließen. Durch den außergewöhnlich günstigen Zinssatz von nur 1 3/4 Prozent unterstehen die WIR-Teilnehmer bedeutend weniger unter einem Rentabilitätsdruck. Die Finanzierungskosten für Investitionen liegen deutlich niedriger als bei üblicher Kreditaufnahme. Aber noch wichtiger als zinsgünstige Kredite ist die Absatzförderung, die durch das WIR-System bewirkt wird. WIR-Liquidität zirkuliert nur im WIR-Kreislauf. Es ist keine Kapitalflucht möglich und niemand hat einen Vorteil, wenn er WIR-Verrechnungseinheiten, die keine Zinsen abwerfen, zurückhält. Die Unternehmer fördern sich gegenseitig, denn jeder, der Leistungen anderer kauft, kann damit rechnen, daß er auch wieder eigene Leistungen verkaufen kann. Der Kreislauf innerhalb des WIR-Systems ist damit geschlossen. Damit Angebot und Nachfrage der WIR-Teilnehmer zusammenkommen können, gibt die WIR Wirtschaftsring-Genossenschaft verschiedene Informationsmedien heraus, in denen jeder Teilnehmer inserieren kann: das monatlich erscheinende "WIR-Magazin" und das WIR Informations- und Mitteilungsbulletin "WIR-info", das ebenfalls monatlich herausgegeben wird. Zusätzlich gibt es drei verschiedene WIR-Teilnehmer-Verzeichnisse, die jährlich neu aufgelegt werden und nach Branchen und Ortschaften gegliedert sind. In den Anzeigen wird der jeweilige WIR-Annahmesatz (zum Beispiel 30 Prozent WIR, 70 Prozent WIR et cetera) angegeben. Die WIR-Printmedien sind im Preis der jährlichen Kontoführungsgebühr von sFr. 32,- bereits enthalten. Neben der Kontogebühr muß jeder WIR-Teilnehmer 0,6 Prozent Provision auf seine WIR-Einnahmen entrichten. Zum Erfahrungsaustausch können sich die WIR-Teilnehmer in den Regionen in autonomen Ortsgruppen zusammenfinden. Auf regelmäßig stattfindenden WIR-Messen in Bern, Lenzburg, Luzern, St. Gallen und in Zürich besteht für den Einzelhandel (in der Schweiz spricht man von "Detailhandel") und für die Inhaber von Spezialgeschäften die Möglichkeit, ihre vielfältigen Leistungen den WIR-Konsumenten anzubieten. Nur etwas für Geschäftssleute? Das WIR-Verrechnungssystem steht nur Geschäftsleuten und mittelständischen Unternehmen in der Schweiz offen. Es stellt sich aber die Frage, ob Verrechnungs- beziehungsweise Tauschsysteme sich auch für nichtwirtschaftliche Ziele nutzen lassen. Es ist bekannt, daß zum Beispiel Sonnenkollektoranlagen bei einem Zinssatz von zwei Prozent für jeden Hausbesitzer rentabel werden würden. Die Energieeinsparung würde dann die Unterhaltungs- und Finanzierungskosten decken. Ein WIR-Teilnehmer könnte also problemlos eine Sonnenkollektoranlage auf seinem Haus finanzieren und hätte dabei sogar noch einen kleinen Gewinn. Aber er könnte mit einem WIR-Kredit auch Umweltschutzmaßnahmen in seinem Betrieb finanzieren. Ob solches oder ähnliches schon geschehen ist, war nicht ausfindig zu machen. Durch das WIR-System werden zusätzliche Umsätze ermöglicht. Dies sichert
Arbeitsplätze im mittelständischen Bereich. Ein Verrechnungssystem könnte also auch
dazu dienen, Arbeitsplätze zu schaffen und zu sichern. Es wäre denkbar, daß zum
Beispiel Selbsthilfegruppen eines Tages ein solches System aufgreifen und die Vorteile der
gegenseitigen Förderung für sich nutzbar machen. Speziell in der sogenannten
"Dritten Welt" könnten Tauschsysteme die Abhängigkeit von westlichen Krediten
erheblich verringern und eine regionale wirtschaftliche Entwicklung auf eigenständiger
Basis ermöglichen. Die Menschen könnten sich selbst gegenseitig helfen, ohne auf fremde
Hilfe angewiesen zu sein, denn jedes Land auf der Erde verfügt über ausreichende
Ressourcen, um die Menschen zu ernähren. Hier bietet sich ein Ausweg aus Hunger- und
Verschuldungskatastrophe an. Er muß nur gegangen werden. Jeder ist aufgerufen, das Wissen
um diese Lösungsmöglichkeiten zu verbreiten. Nur so haben wir eine Chance, der globalen
Katastrophe zu entgehen. Dieser Artikel wurde erstmals in dem
1998 eingestellten Rundbrief "Angebot & Nachfrage" |
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