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Thema Tauschringe
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Am Beginn eines neuen Bewußtseins von Michael Wünstel
Wir stehen vor einer Zeitenwende Seit mehr als 100 Jahren gibt es eine Theorie, die besser und klarer eine Antwort auf die zentrale Frage in der Menschheitsgeschichte, wie der Mensch sein Auskommen findet, zu geben vermag als all die vielen unglücklichen Erklärungsversuche, die bisher gemacht wurden. Diese Theorie stammt von einem Außenseiter, der als Praktiker und ohne wissenschaftliche Verbildung die Krisenerscheinungen seiner Zeit betrachtete und durch seine Unvoreingenommenheit auf bis dahin unbeachtete Tatsachen stieß, die ihm die Voraussetzungen boten für einen grundlegend neuen Lösungsansatz. Wer sich auf diese Erkenntnisse einläßt, erhält einen tieferen Einblick in die Geschehnisse unserer Zeit und erlangt ein besseres Verständnis dafür, wie und warum wir so geworden sind. Wenn wir überleben wollen, ist ein Bewußtseinswandel auf breitester Ebene erforderlich. Wissenschaft und Politik versagen bei der Lösung der heutigen Krisen. Weder ist die heutige Wissenschaft in der Lage, die Vielzahl der Krisenerscheinungen auch nur ansatzweise ursächlich zu erklären und entsprechende Wege zu deren Überwindung aufzuzeigen, noch ist die Politik imstande, konkrete Maßnahmen zur Beseitigung der Krisen zu ergreifen. Beide verlieren sich in einer ausschließlichen Symptomenbetrachtung beziehungsweise -bekämpfung, die die tieferen Ursachen der Krisen unberücksichtigt läßt. In Abwandlung eines Zitates des englischen Schriftstellers Aldous Huxley läßt sich feststellen: Wissenschaft und Technik haben in den letzten 100 Jahren so ungeheure Fortschritte gemacht, daß wir heute vor beinahe unlösbaren Problemen stehen. Die Symptomenbetrachtung ist eine Folge der Aufspaltung der Wirklichkeit in Teilbereiche und versperrt den Blick für das Ganze. Erfolge auf Teilgebieten - als "Fortschritt" gepriesen - verschleiern den sich in Wirklichkeit vollziehenden Rückschritt: der Mensch ist immer weniger in der Lage, mit den von ihm geschaffenen Problemen fertig zu werden. Hoffnungsträger einer besseren Zukunft Das Überleben der Menschheit wird entscheidend davon abhängen, ob es uns gelingt, ein neues Bewußtsein zu entwickeln. Hierzu sind neue Erkenntnisse und neues Wissen notwendig, die uns helfen, das materialistische Zeitalter hinter uns zu lassen und die uns die Mittel und Wege in die Hand geben, unsere Zukunft positiv zu gestalten. Dabei sind Fragen der Wirtschaftsordnung von grundlegender Bedeutung. Im folgenden sollen zwei Autoren vorgestellt werden, die sich mit den zentralen Fragen unserer Zeit beschäftigt haben und dabei zu neuen Erkenntnissen gelangt sind. Der Natur des Menschen angepaßt Im Jahre 1916 erschien in Bern erstmals das Buch "Die Natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld" von dem deutsch-argentinischen Kaufmann Silvio Gesell (1862 bis 1930). In Argentinien, wohin er 1887 ausgewandert war, erlebte er eine schwere Wirtschaftskrise, die ihn zu eigenen Untersuchungen über die Ursachen von Krisen und sozialer Not veranlaßten, da keiner der damaligen Wirtschaftsexperten eine plausible Erklärung hierüber geben konnte. Im ersten Teil seines Buches setzt sich Silvio Gesell mit dem Problem der Güterverteilung auseinander. Er weist nach, daß die Forderung von Karl Marx und seinen Anhängern nach Verstaatlichung der Gütererzeugung (Kommunismus) durch Enteignung der Produktionsmittel (Fabriken, Maschinen und so weiter) nicht das arbeitslose Einkommen (sogenannter Mehrwert, auch Zins oder Rente) und die damit verbundene ungerechte Güterverteilung beseitigt. Einzig der Frühsozialist Pierre Joseph Proudhon habe richtig erkannt, daß der Zins eine Folge des zu knappen Kapitals (Fabriken, Häuser und so weiter) ist. Würden die Arbeiter stetig neue Fabriken, Häuser et cetera erbauen, würde der Kapitalzins, das heißt das arbeitslose Einkommen durch das steigende Kapitalangebot allmählich sinken. Verhindert wird ein solches Handeln durch eine Störung im Güteraustausch. Jeder Streik, jede Wirtschaftskrise mache eine Überwindung des arbeitslosen Kapitaleinkommens unmöglich. Silvio Gesell erkennt als Ursache für die Störungen im Güteraustausch das ungleiche Verhältnis zwischen Waren (= Arbeitsleistungen) und Geld (= Tauschmittel). Während die Ware in den Händen des Anbieters durch Lagerkosten, Verderb, Verfall et cetera mit der Zeit an Wert verliert, kann der Besitzer von Geld beliebig lange auf einen günstigen Kauf warten, ohne einen Verlust zu erleiden. Damit das Geld seiner Funktion als Tauschmittel gerecht wird, muß es auf die Rangstufe der Ware herabgesetzt werden. Es muß wie Eisen rosten, wie Lebensmittel verfaulen, damit es das tut, was es soll: Nachfrage halten nach Ware, das heißt nach Arbeitsleistungen. Geld, das dem Wirtschaftskreislauf entzogen und gehortet wird, sperrt die Ware vom Markt und damit den Arbeiter von der Fabrik aus. Die Funktionen des Sparmittels und des Tauschmittels widersprechen sich. Das hortbare Geld ermöglich erst den Zins. Die Natürliche Wirtschaftsordnung (NWO) Im zweiten Teil seines Buches befaßt sich Gesell mit dem Thema "Freiland, die eherne Forderung des Friedens". Dieses erst später hinzugefügte Kapitel hatte Gesell als Vortrag in Zürich am 5. Juli 1917 unter dem Eindruck des 1. Weltkrieges gehalten. Gesell fordert für den Menschen den freien Zugang zur ganzen Erde, ohne den es auf Dauer keinen Bürger- und Völkerfrieden geben kann. Der Boden mit seinen natürlichen Ressourcen ist die Grundlage für die Güterproduktion und damit unabdingbare Voraussetzung für eine funktionierende Wirtschaft. Gesell: "Ist die Wirtschaft in Ordnung, so ist auch der Friede gesichert." Genauso wie der Geldzins stellt auch die Bodenpacht ein leistungsloses Einkommen dar. Gesell fordert die Verstaatlichung des Bodens, den er als das eigentliche Produktionsmittel ansieht. Der unvermeidbare Boden soll nicht mehr als käufliches Gut Spekulationszwecken dienen können, sondern meistbietend an jeden verpachtet werden, der ihn nutzen möchte. Aus den Einnahmen durch die Pacht soll der Staat den Müttern für die Erziehung ihrer Kinder eine Mütterrente gewähren. Um den Boden in den Besitz der Allgemeinheit zu überführen, schlägt Gesell vor, den Preis für ein Grundstück (errechnet aus der Höhe des Pachtzinses) dem jeweiligen Besitzer in frei verzinslichen Schuldscheinen der Staatsanleihe auszubezahlen. Dem Staat entstehen dadurch keine finanziellen Mehrbelastungen, da er die Zinsen für die Schuldscheine aus den Pachteinnahmen begleichen kann. Führt der Staat gleichzeitig eine Geldreform durch, die zum Absinken des Geldzinses führt, so sinkt auch die Zinsbelastung aus den Schuldscheinen, während die Pachteinnahmen unverändert bleiben. Den Gewinn aus der Differenz zwischen Pachteinnahmen und Schuldscheinverzinsung kann der Staat dazu benutzen, die ausgegebenen Schuldscheine zurückzukaufen. Auf diese Weise sinken die Zinsaufwendungen weiter, so daß in weniger als 20 Jahren die gesamte Staatsschuld abbezahlt werden kann. Nach diesem Zeitraum steht die volle Summe der Bodenpacht für die Mütterrente zur Verfügung. So geschaffenes "Freiland" bewirkt, daß jeder Mensch Anteil hat an den Ressourcen unserer Erde. "Freiland", weltweit verwirklicht, schafft die gerechte Güterverteilung - eine Grundvoraussetzung für den sozialen Frieden innerhalb der Staaten und für das friedliche Zusammenleben der Völker. Silvio Gesell: "Ohne Privatgrundrenten gibt es keinen Krieg mehr, weil es keine Zölle mehr gibt. Die Bodenverstaatlichung bedeutet daher gleichzeitig Weltfreihandel und Weltfriede." Im dritten und vierten Teil seines Buches beschäftigt sich Gesell mit der Funktion des Geldes und mit der Frage, wie Wirtschaftskrisen, Absatzstockungen und Arbeitslosigkeit verhindert werden können. Er fordert die Schaffung von nicht hortbarem "Freigeld", das in der umlaufenden Menge so gesteuert werden muß, daß keine Preisschwankungen auftreten. Jede kulturelle Höherentwicklung in der Menschheitsgeschichte hat ihren Ursprung in der Arbeitsteilung, das heißt in dem Austausch von Gütern und Leistungen. Je arbeitsteiliger die Wirtschaft ausgestaltet ist, um so mehr braucht sie ein Mittel, das den Güteraustausch erleichtert. Metallgeld (meist Gold oder Silber) und Papiergeld (oft mit Golddeckung) haben in der Geschichte nur bedingt diese Funktion erfüllt. Gab es zum Beispiel Goldfunde, war reichlich Geld vorhanden und Wirtschaft und Kultur blühten auf. Versiegten die Goldminen, verschwanden auch die Kulturen wieder. Kriege wurden fast immer des Goldes wegen geführt. Ohne den Übergang zum beliebig vermehrbaren Papiergeld wäre die industrielle Revolution in den letzten 150 Jahren mit ihrer ungeheuren Steigerung der Güterproduktion nicht denkbar gewesen. Aber das Papiergeld führte und führt auch heute immer noch zu Wirtschaftskrisen mit Absatzstockung und Arbeitslosigkeit, besonders wenn durch Geldmengenverringerung (Deflation) die Preise sinken. Steigende Preise durch Geldmengenvermehrung (Inflation) können dagegen zu einer Überhitzung der Konjunktur führen und verfälschen Schuldverträge. Gesell fordert zur Verhinderung von Wirtschaftskrisen: "Die Preise dürfen niemals und unter keinen Umständen fallen." Das Geld muß in seiner Kaufkraft stabil gehalten werden, indem das Verhältnis zwischen den angebotenen Waren und Leistungen und der nachfragenden Geldmenge immer gleich bleibt. Steigen die Preise, muß die Geldmenge verringert werden. Sinken die Preise, muß mehr Geld in Umlauf gebracht werden. Eine exakte Steuerung der umlaufenden Geldmenge ist aber nur möglich, wenn alles ausgegebene Geld auch tatsächlich umläuft. Hier setzt die Umlaufsicherung des Geldes an, die dafür sorgt, daß alles von der Notenbank ausgegebene Geld auch umläuft, und die gleichzeitig das Geld auf die Rangstufe der Ware herabsetzt. Nach den Vorschlägen Gesells soll das "Freigeld" wöchentlich ein Tausendstel (eine Promille) an Zahlkraft verlieren. In seinem Buch schlägt er das Bekleben der Geldscheine mit Kleingeldzetteln vor, mit denen die Gebühr bezahlt werden soll. Seine Nachfolger vertreten das sogenannte "Drei-Serien-Geld": das Geld wird in drei verschiedenen Serien herausgegeben. Per Zufall wird immer nur eine Serie ausgelost, die gegen eine Gebühr bei den Banken umgetauscht werden muß. Da der Inhaber von Geldscheinen nie weiß, welche Serie ausgelost wird, ist er stets bestrebt, alle Geldscheine möglichst bald wieder weiterzugeben, indem er Ware kauft oder überschüssiges Geld auch ohne Zins verleiht. Der fünfte und letzte Teil des Buches von Gesell enthält eine Zins- und Kapitaltheorie. Gesell definiert den Begriff "Kapital" als zinsbringendes Gut. Der Zins ist nichts anderes als der Preis für das Leihen eines knappen Gutes. Dem Boden als unvermehrbares Gut haftet daher immer der Zins an, der nur in die Hände der Allgemeinheit überführt werden sollte. Nur das "Freigeld" kann zinsfrei sein. Befreiung des Marktwirtschaft vom Kapitalismus So lautet der Titel eines Buches von Prof. Dieter Suhr, der an der Universität in Augsburg Öffentliches Recht, Rechtsphilosophie und Rechtsinformatik lehrte. Er verunglückte leider 1990 tödlich. Es ist sein besonderes Verdienst, die Vorstellungen von einer gerechten Geldordnung in eine moderne wissenschaftliche Sprache gekleidet zu haben. Suhr spricht von den "Jokereigenschaften" des Geldes, mit dem jede angebotene Ware und Leistung gekauft werden kann. Die Liquidität des Geldes ist es, wofür die Marktteilnehmer bereit sind, den Zins zu bezahlen. Der Zins aber ist der Umverteilungsmechanismus, der das Geld von den "leeren Kassen mit Bedarf" in die "vollen Kassen ohne Bedarf" wandern läßt. Neben der Kapitalkonzentration bewirkt der Zins ein exponentielles Kapitalwachstum, das auf Dauer zur Selbstzerstörung des Wirtschaftssystems führt. Der Zins ist auch der Faktor, der zur Zeit Investitionen im Bereich Umweltschutz unrentabel macht. Bei einem Zinssatz von null Prozent wäre für jeden Hauseigentümer eine Sonnenkollektoranlage "rentabel". Neben der Möglichkeit einer staatlichen Umlaufsicherung des Geldes sieht Prof. Suhr eine marktwirtschaftliche Lösungsmöglichkeit. Er hat ein Konzept entwickelt für eine optimale Kredit- und Liquiditätsversorgung durch Geschäftsbanken. Er nannte dieses Konzept zunächst "Oeconomia Augustana" (kurz: OA), später "neutrales Geld". Nach dem Vorschlag von Prof. Suhr kann jede Bank die Eröffnung von OA-Konten ermöglichen, auf denen sie ihren Kunden Liquidität zur Verfügung stellt. Die Bank besorgt sich diese Liquidität auf dem üblichen Kreditmarkt und stellt dem Kunden die Kreditkosten (Zinsen) plus eine Bearbeitungsgebühr in Rechnung. Der OA-Kontoinhaber zahlt an die Bank Liquiditätskosten entsprechend der Höhe seines Kontostandes, solange er Liquidität auf seinem Konto zurückhält. OA-Kontoinhaber sind auf diese Weise bestrebt, ihre Liquidität möglichst bald weiterzugeben, entweder indem sie Überweisungen auf andere OA-Konten tätigen, oder indem sie zinslose Kredite an andere OA-Teilnehmer gewähren. Sinkt dabei der Kontostand, sinken auch die zu zahlenden Liquiditätskosten, die in diesem Fall ein anderer OA-Teilnehmer übernehmen muß. Möchte dagegen der Kunde sein Geld bar abheben oder Geld auf ein übliches Konto überweisen, so verwandelt sich für ihn die von der Bank zur Verfügung gestellte Liquidität in einen üblichen Kredit, für den er dann entsprechende Zinsen zahlen muß. Interessant ist das OA-System für die Schaffung und Sicherung von Arbeitsplätzen, für unternehmerische Investitionen, für die Finanzierung von Maßnahmen im sozialen und ökologischen Bereich und für die öffentliche Hand. Vorteile dieses Systems sind die rechtliche Unbedenklichkeit, die Verbesserung des Zahlungsverkehrs und die Verstetigung des Wirtschaftskreislaufes zwischen den Teilnehmern, die zur Vorausbezahlung von Leistungen und zur Gewährung von zinslosen Krediten bereit sind. Bleiben nur die Banken, die davon überzeugt werden müssen, daß sie auch selbst Vorteile aus einem solchen System ziehen können. Mut zu einer neuen Sicht Täglich verbreiten Presse, Rundfunk und Fernsehen Schreckensmeldungen über Krisen und Katastrophen in der Welt. Wer die Hintergründe kennt, braucht nicht zu resignieren. Jeder ist aufgefordert, sich mit den hier vorgestellten Ideen näher zu beschäftigen und in seinem Bekannten- und Freundeskreis auf das neue Wissen aufmerksam zu machen - auch auf die Gefahr hin, zunächst nicht verstanden zu werden. Geduld ist notwendig und das Verständnis dafür, daß sich ein neues Bewußtsein nur durch neues Wissen entwickeln kann. Literatur zu Silvio Gesell: Benjes, Hermann: Wer hat Angst vor Silvio Gesell Diese Bücher können von folgender Adresse bezogen werden: Literatur zu Dieter Suhr: Suhr, Dieter: Befreiung der Marktwirtschaft vom Kapitalismus, Basis Verlag Berlin 1986 Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Auszug aus einer Veröffentlichung in dem 1998 eingestellten Rundbrief "Angebot & Nachfrage" Nr. 4 vom Juni 1991. |
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