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Artikel zum
Thema Tauschringe
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Die Umlaufsicherung des Geldes in der Praxis
von Michael Wünstel
Würde heute die Bundesregierung beschließen, unser Geldsystem zu reformieren, gäbe es vermutlich auf den Straßen Protestmärsche. Protestieren würden vielleicht noch nicht einmal so sehr die Banken oder die Reichen, denn die ahnen längst, daß unsere auf ewiges Wachstum eingestellte Wirtschaft sich eines Tages selbst zerstört. Vielmehr die kleinen Leute gingen auf die Straße. Sie würden sich als die Opfer sehen, die man um ihre Ersparnisse betrügen wolle. Die Frage einer Geldreform - so notwendig sie auch sein mag - ist weniger ein Problem der Durchführbarkeit als eines der Durchsetzbarkeit. Die Menschen müssen wissen warum, wie und wozu etwas durchgeführt werden soll. Dies ist zunächst einmal ein Informationsproblem. Hier muß als erstes angesetzt werden. "Wo die Wirtschaft läuft, rollt das Geld!" So oder so ähnlich sehen viele Menschen den Zusammenhang zwischen Geld und Wirtschaft. Auch Politiker und Wirtschaftsexperten sehen die Beziehung zwischen Geld und Wirtschaft nicht anders. Aber ist denn das wirklich so? Um sich mit einem Thema tiefer auseinandersetzen zu können, müssen die Begriffe genau und eindeutig erklärt werden, wie sie vom Autor angewendet werden und vom Leser in ihrer Bedeutung verstanden werden sollten. Die hier gegebenen Begriffsdefinitionen weichen von denen in Lexika ab - denn es soll nicht ausschließlich um Wissenschaftlichkeit, sondern vielmehr um Verständlichkeit gehen. Nicht unveränderliche Zustände sind es, die die Wirtschaft kennzeichnen, sondern sich ständig ändernde Vorgänge. Die vielen verschiedenen Vorgänge in der Wirtschaft lassen sich in zwei wesentliche Bereiche gliedern: die Herstellung von Gütern und der Austausch der hergestellten Güter. Für die Güterproduktion müssen Rohstoffe, Energie, Wasser und der Boden als Fläche für Wohn- und Arbeitsstätten verfügbar sein. Ein Tauschmittel erleichtert den Güteraustausch. Der Mensch als Produzent und Konsument ist der Handelnde in der Wirtschaft. Da die Wirtschaft keinen Selbstzweck darstellt, ist alles wirtschaftliche Handeln zielgerichtet. Das Hauptziel ist es, die Knappheit von Gütern zu verringern und damit die Bedürfnisse (Existenz-, Kultur- und Luxusbedürfnisse) der Menschen zu befriedigen. Heute wird diese Zielsetzung vielfach ad absurdum geführt, indem Bedürfnisse beispielsweise durch Werbung künstlich geweckt werden. Welche Rolle spielt das Geld? Das Geld erfüllt in der Wirtschaft die Funktion des Tauschmittels, das den freien Austausch der Güter erheblich erleichtert und zu einem großen Teil überhaupt erst ermöglicht. Stellen Sie sich vor, Sie müßten alles, was Sie zu Ihrem Leben brauchen, unmittelbar mit Ihrer Arbeitsleistung bezahlen. Dann müßten Sie sicherlich auf vieles verzichten. Wieviel einfacher geht es da mit Geld: Sie bekommen für Ihre Arbeitsleistung einen Lohn oder ein Gehalt in Geld bezahlt und können mit diesem Geld die Produkte und Leistungen anderer kaufen. Das Geld dient dabei als Zahlungsmittel und Verrechnungseinheit. Da es den Austausch von Gütern ermöglicht und erleichtert, kann man es auch Tauschmittel nennen. Nun können Sie für Ihr Geld nicht beliebig viele Waren kaufen. Wieviel Sie eintauschen können, hängt neben Ihrem Portemonnaie auch von den Preisen ab. Die Preise wiederum werden in Geld ausgedrückt. Man sagt auch, das Geld sei ein Wertmesser. Dies ist nicht ganz richtig, weil der Wert eines Gutes von der individuellen Einschätzung zum Beispiel eines Nutzers abhängt. Wasser ist lebenswichtig, trotzdem kann der Preis dafür sehr niedrig sein. Luxusgegenstände könnten durchaus als "wertlos" betrachtet werden, obwohl für sie meist ein verhältnismäßig hoher Preis gezahlt wird. Im Preis einer Ware drückt sich also nicht unbedingt ihr Wert aus. Statt "Wertmesser" sollte man deshalb besser von "Preismesser" sprechen. Eine dritte Funktion des Geldes soll hier ebenfalls betrachtet werden. Das Geld - zumindest in der heutigen Form - hat gegenüber der Ware einen entscheidenden Vorteil: während die Ware bei Lagerung verdirbt, verfault, veraltet, aus der Mode kommt, von Schädlingen befallen werden kann et cetera, verursacht Geld beim Lagern keine Kosten. Das Geld in der Spardose oder im Geldbeutel wird nicht durch Mottenfraß weniger. Weder die Zeit nagt an ihm, noch kann es verderben. Ein Hundertmarkschein ist auch nach vielen Jahren noch ein Hundertmarkschein. Die Zahlen auf den Geldscheinen und Münzen verändern sich nicht. Somit ist das Geld ein ideales Sparmittel, vorausgesetzt der "Wert" des Geldes wird nicht durch Inflation, das heißt durch allgemeinen Preisanstieg vermindert. Die widersprüchlichen Funktionen des Geldes Tauschmittel und Sparmittel sind zwei Funktionen des heutigen Geldes, die sich einander ausschließen. Niemand kann sein Geld in der Tasche behalten und gleichzeitig damit Waren oder Leistungen bezahlen. Geld, das zurückgehalten wird, fehlt im Wirtschaftskreislauf. Würde man das Geld ganz dem Wirtschaftskreislauf entziehen, käme es zum Zusammenbruch der Wirtschaft mit all den Folgen von Massenarbeitslosigkeit, Not, Elend und Hunger. Aber schon kleine Störungen im Geldkreislauf können große Auswirkungen auf Absatzlage und Beschäftigung haben. Warum ist das so und nicht umgekehrt? Geld bedeutet Nachfrage in der Wirtschaft. Wer kein Geld hat, kann nichts kaufen und damit keine Nachfrage halten. Ob eine Ware oder Leistung in der Wirtschaft angeboten werden kann, hängt von den Absatzmöglichkeiten ab. Kein Hersteller wird eine Ware produzieren, von der er nicht weiß, ob er sie verkaufen kann. Er muß seine Produktion an der Nachfrage ausrichten. Die Nachfrage kann aber ohne Geld nicht wirksam werden. Ein Hungernder hat zwar einen Bedarf nach Nahrung, kann sich diese aber ohne Geld nicht kaufen. Erst durch Geld können sich Bedürfnisse in konkrete Nachfrage verwandeln. Die Wirtschaft kann also nur laufen, wenn das Geld "rollt" und nicht umgekehrt. Die Umlaufsicherung des Geldes Es gibt zwei Formen, den Geldumlauf zu sichern: eine gute und eine schlechte. Die schlechte Form der Umlaufsicherung wird in der Bundesrepublik und auch in anderen Ländern seit Jahrzehnten angewandt. Es handelt sich dabei um die schleichende Inflation. Die Geldmenge wird dabei allmählich so aufgebläht, daß die allgemeinen Preise ständig steigen. Der sogenannte Warenkorb wird immer teurer. Weil das Geld durch Inflation an "Wert" verliert, ist niemand daran interessiert, es lange zurückzuhalten. Denn morgen kann man mit inflationärem Geld weniger einkaufen als heute - also lieber heute kaufen! Wird das Geld zur Bank gebracht, erwartet der Sparer mindestens einen Inflationsausgleich durch entsprechende Zinsen. Da die Bank Sparguthaben in Form von Krediten weitergibt, verteuert die Inflation Kredite. Insgesamt verfälscht die Inflation das Geldwesen. Eine wesentlich bessere Möglichkeit, das Geld in Umlauf zu halten, ist die Erhebung einer Nutzungsgebühr. Wer eine öffentliche Einrichtung nutzt, muß im allgemeinen eine Gebühr entrichten. Die Benutzung beispielsweise von Parkplätzen kostet in der Regel Geld. Warum soll die Benutzung des Geldes kostenlos sein? Schließlich ist Geld ebenfalls eine öffentliche Einrichtung. Bereits vor über 100 Jahren formulierte der deutsch-argentinische Kaufmann Silvio Gesell (1862 bis 1930) seine Idee eines umlaufgesicherten Geldes. Seine Vorstellung war es, daß das Geld ähnliche Eigenschaften erhalten sollte wie die Ware. In seinem Buch "Die Natürliche Wirtschaftsordnung" legte er die Vorschläge zur Schaffung eines umlaufgesicherten Geldes nieder. Er nannte es "Freigeld", weil es frei verfügbar sein sollte ohne Zinsen, in denen er den Hauptgrund für wirtschaftliche Ausbeutung und den Gegensatz zwischen Arm und Reich sah. Dieses "Freigeld" sollte mittels auf die Scheine aufzuklebender Marken, mit denen beispielsweise monatlich eine Gebühr zu zahlen ist, umlaufgesichert werden. Andere schlugen eine Bestempelung der Geldscheine vor. Solche Vorschläge sind heute nur noch von historischer Bedeutung. Das heute am meisten vorgeschlagene Modell für eine Umlaufsicherung des Geldes ist das "Drei-Serien-Geld". Um das umständliche Bekleben mit Marken oder Bestempeln der Geldscheine zu vermeiden, werden die Geldscheine in drei verschiedenen Serien herausgegeben, gekennzeichnet durch verschiedene Buchstaben oder Farben. Statt das gesamte Geld an einem Stichtag zum Umtausch aufzurufen, wie es der Japaner Yoshito Otani vorschlägt, wird nur eine Serie per Zufall ausgelost und aus dem Verkehr gezogen. Bei drei Serien mit den Buchstaben A, B und C wird zum Beispiel die B-Serie der 5-, 10-, 20-, 50-, 100-, 200-, 500- und 1000-Markscheine an einem Stichtag per Zufall ausgelost und zum Umtausch aufgerufen. Jeder, der jetzt Geldscheine der B-Serie hat, muß sie innerhalb einer festgelegten Frist zur Bank oder Post bringen und dort gegen neue Scheine umtauschen, die dann zum Beispiel mit einem "D" gekennzeichnet sind. Gleichzeitig hat er eine Gebühr zu entrichten, die wie eine Steuer an den Staat fließt. Da der Zufall über die umzutauschende Geldserie bestimmt, kann niemand versuchen, durch Auswahl bestimmter Serien der Gebühr zu entgehen. Trotzdem muß immer nur ein Drittel der Geldscheine zum Umtausch aufgerufen werden. Von dem Aachener Wirtschaftspublizist Helmut Creutz stammt der Vorschlag einer auszulosenden Teilmenge. Er geht von dem vorhandenen Geld aus und schlägt vor, die Auslosung unter den gegebenen Geldscheingrößen vorzunehmen. Von den sieben Geldscheingrößen (die 5-DM-Scheine sollen wegen ihrer geringen Menge außer Betracht gelassen werden), soll immer nur eine Größe ausgelost werden. Statt einem Drittel der Geldscheine wäre dann nur ein Siebtel umzutauschen. Die neuen Geldscheine könnten sich durch ihre Farbe und Größe von den alten Scheinen unterscheiden, so daß eine Verwechslung möglichst ausgeschlossen wäre. Welcher der genannten Vorschläge umgesetzt wird, ist gar nicht so entscheidend. Die Bundesbank hat genügend Experten zur Hand, die sich über eine optimale Durchführung der Geldumlaufsicherung den Kopf zerbrechen können. Wichtiger ist die Frage, wie die politisch Verantwortlichen dazu gebracht werden können, diese Vorschläge zu realisieren. Das Ziel einer Umlaufsicherung des Geldes ist es, den Wirtschaftskreislauf zu
verstetigen und damit Vollbeschäftigung ohne Wachstumszwang zu erreichen. An dieser
Stelle kann nicht auf das Zinsproblem als zentrale Ursache des Wachstumszwanges in der
Wirtschaft eingegangen werden. Dieser Artikel wurde erstmals in dem
1998 eingestellten Rundbrief "Angebot &
Nachfrage" |
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