Artikel zum Thema Tauschringe

 

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Handeln für bessere Zeiten
 

von Michael Wünstel
 

Es war einmal ...

... vor langer Zeit, da wollte sich ein arabischer Viehzüchter die bevorstehende Hochzeit seiner Tochter etwas kosten lassen. Also nahm er seine beste Kuh aus dem Stall, um sie bei seinem Freund und nächsten Nachbarn gegen zehn pralle Schläuche edelsten Weins zu tauschen. Doch er hatte Pech - die letzte Weinernte war mißlungen und der Weinbauer besaß kaum mehr Vorrat. Guten Mutes zog der Viehzüchter zum nächsten Weinbauern. Der besaß zwar reichlich guten Wein zum Tausch, doch konnte er keine Kuh gebrauchen. Immerhin bot der ihm für 1.000 feste Lehmziegel zehn Schläuche seines Weines an, die der Viehzüchter jedoch nicht herbeizaubern konnte. Auch beim dritten Weinbauern blieb der Viehzüchter erfolglos, da jener eine weitere Kuh nur dann hätte gebrauchen und versorgen können, wenn er genug Bauholz für einen Stall zur Verfügung gehabt hätte. Über dem ganzen Hin und Her, dem meilenweiten Herumirren in Staub und Hitze, war die einst fette, gesunde Kuh nun bis auf die Knochen abgemagert. Der bedauernswerte Viehzüchter hätte allenfalls noch einen Schlauch Wein dafür einhandeln können. Schließlich trat er zermürbt den Heimweg an und schlachtete seine Kuh. Die Tochter jedoch mußte bis an ihr Lebensende auf einen Mann verzichten.

Diese alte arabische Erzählung ist entnommen aus dem Buch "BARTER" von Friedrich Weissenbeck und Ha. A. Mehler und macht - übertragen auf die heutige Zeit - ein Dilemma deutlich: zwar ließen sich die heutigen sozialen und ökologischen Krisen durchaus lösen und viele Menschen sind bereit, etwas zu tun, aber allzu häufig kommen die Taten nicht zustande beziehungsweise bleibt das Handeln unfruchtbar und die Mißstände in der Welt wie zum Beispiel Umweltzerstörung, Arbeitslosigkeit und Hunger bleiben unverändert bestehen. Daß Handeln im Sinne von Tun etwas mit dem Handeln als Austausch von menschlichen Leistungen zu tun hat, soll in diesem Artikel deutlich werden. Erst wenn wir die wirklichen Hintergründe unserer heutigen Krisen kennen, können wir die Schritte unternehmen, die zur Überwindung dieser Krisen vom Ursprung her führen.

Im Zentrum der Betrachtung soll im folgenden zunächst der Mensch stehen, dessen Entwicklung maßgeblich von den Lebensbedingungen beeinflußt wurde. Der Mensch ist das einzigste Lebewesen, das seine Lebensbedingungen bewußt verändern kann. In der weiteren Betrachtung wird sich zeigen, wie sehr der Tauschhandel das Dasein des Menschen verändert und überhaupt erst die Entwicklung von Kultur und Zivilisation ermöglicht hat. Mit dem Übergang zur Geldwirtschaft entstanden aber die Probleme, mit denen wir heute konfrontiert sind.

Frühgeschichte des Menschen

Vor etwa sieben Millionen Jahren begann stammesgeschichtlich die Trennung zwischen Menschenaffen und Hominiden, den ersten menschenähnlichen Wesen. Die ersten Steinwerkzeuge fertigten Menschen vor etwa eineinhalb Millionen Jahren an. Diese Werkzeuge ermöglichen es, die lebensnotwendigen Güter nun besser und reichlicher zu produzieren. Etwa eine Million Jahre liegen die Anfänge des Tauschhandels als Folge der vermehrten Güterproduktion zurück. Aber erst 50.000 Jahre vor Christi Geburt gewann der Tauschhandel besondere Bedeutung. Kultur und Kunst wie zum Beispiel Schmuck oder Malereien entstanden vor 40.000 Jahren. Vor 10.000 Jahren begann der Mensch seßhaft zu werden und Landwirtschaft zu betreiben. Die ersten kriegerischen Auseinandersetzungen liegen 7.000 Jahre zurück. Vor 5.000 Jahren vollzog sich der Übergang von der Tauschwirtschaft zur Geldwirtschaft und damit der Beginn des Kapitalismus. Die Anfänge der Sklaverei liegen um 2.300 v.Chr. in Ägypten.

"Korngiro" in Ägypten

Umfangreiche, auf Papyrus niedergeschriebene Dokumente zeigen, daß es bereits 322 bis 30 v.Chr. in Ägypten ein ausgedehntes Verrechnungssystem gegeben hat. Bauern konnten ihr Korn an staatliche Lagerhäuser zur Aufbewahrung liefern und erhielten dafür eine Gutschrift, auf der genau Qualität und Jahrgang festgehalten wurden. Hugo Godschalk schreibt in seinem Buch "Die geldlose Wirtschaft": "Der Bauer war auf diese Art und Weise gegen Diebstahl oder physische Vernichtung durch Feuer, Überflutung und so weiter geschützt, womit er die Kosten der Speicherung einsparte." Per Überweisungsauftrag an das staatliche Lagerhaus konnte er Steuern an den Staat und sonstige Verpflichtungen wie Pachtzinsen bezahlen. Gegenüber der späteren Geldwirtschaft hatte der Bauer außerdem den Vorteil, nicht gezwungen zu sein, sein Korn gleich nach der Ernte am Markt gegen Zahlungsmittel verkaufen zu müssen, wenn die Preise infolge des größeren Angebots niedriger waren. Mit einer Art Anweisungsscheck konnten Güterkäufe über das Korngirosystem bezahlt werden. Das Getreidemaß diente dabei lediglich als Verrechnungsgrundlage, ohne daß es selbst als Tauschmittel benutzt wurde. Bei "Überweisungen" zwischen verschiedenen Korngirokreisen wurden die Schulden kompensatorisch mit Getreidelieferungen ausgeglichen. Während des ersten bis vierten Jahrhunderts n.Chr. unter der römischen Herrschaft gab es neben dem staatlichen Korngiro auch den Geld-Giroverkehr, der von Privatbanken betrieben wurde. Im Gegensatz zu den Geld-Girokonten wurden aber die Konten der Korngiro-Teilnehmer nicht verzinst. Hugo Godschalk: "Im Korngiro mußte der Kontoinhaber eine Lagergebühr für die Speicherung, die Verwaltung, das Trocknen und so weiter bezahlen. Die Lagergebühr richtete sich nach der Quantität und vermutlich auch nach der Lagerungszeit. Die Gebühren bezogen sich auf das Giroguthaben. Es handelt sich hier also um eine Art negativer Verzinsung der Guthaben."

Diese negative Verzinsung von Guthaben im Korngirosystem war sicherlich ein wesentlicher Grund, warum sich dieses System auch nach der Einführung der Geldwirtschaft weiterhin behaupten konnte. Das Zahlungsmittel Korngiro hatte - bedingt durch die Lagergebühr - die gleichen Eigenschaften wie jede Ware, deren Zurückhaltung durch Lagerung, Verderb et cetera Kosten verursacht. Es war ausgeschlossen, mit Korngiro zu spekulieren oder in diesem System Zinsen zu nehmen und so ein leistungsloses Einkommen zu erhalten.

Tauschhandel in Europa

In Mitteleuropa begann der Tauschhandel bereits in der Altsteinzeit, wie Ausgrabungsfunde zeigen. In der Schwäbischen Alb fanden Archäologen Muscheln aus dem Mittelmeer und in altgriechischen Gräbern wurde Bernstein aus dem Baltikum entdeckt. Viele unserer heutigen Haustiere wie Ziege und Schaf kamen durch den Tauschhandel in der Jungsteinzeit aus dem Alten Orient nach Europa. Es wurden Feuersteine, Salz, Schmuck, Steinbeile, Speerspitzen, (später) Bronzeäxte, Schwerter und Schilde getauscht. Häufige Tauschgüter waren Weihrauch, Riech- und Farbstoffe, kunstvolle Gewebe, Felle und Leder. Auch Geräte verschiedenster Art wurden getauscht, wie Schalen, Schüsseln und Krüge, Kampfwagen, Musikinstrumente, Sicheln, Räder, Anker, Wagen und Boote. Der unmittelbare Tausch von Gütern verlor erst seine Bedeutung, als im Altertum etwa 4.000 v.Chr. das Tauschmittel Geld zwischen den Handel trat.

Das Geld als universelles Tauschmittel - zunächst meist ein allgemein begehrtes Tauschgut wie Weizen, später Silber oder Gold - erleichterte erheblich den Güteraustausch, brachte aber auch Probleme mit sich. Die griechische Kultur und der aufstieg Roms wären ohne die Wirkung des Geldes nicht denkbar gewesen. Da aber das Geld wegen seiner stofflichen Eigenschaften - Edelmetalle rosten und verderben nicht - eine Sonderstellung einnahm, schuf es schon früh einen Gegensatz zwischen Geldbesitzer und Warenanbieter. So kam es, daß das Geld nur bedingt seine Funktion als Tauschmittel erfüllte, da es gleichzeitig auch als Spar- beziehungsweise Hortungsmittel verwendet werden konnte. Wer kein Geld besaß, es aber als Tauschmittel nutzen wollte, mußte sich welches von den Geldbesitzern leihen und dafür einen Preis bezahlen, der sich nach Angebot und Nachfrage des Geldes richtete. Dieser Preis war und ist bis heute noch der Zins. Hier liegt der Ursprung für soziale Gegensätze zwischen Arm und Reich, für Not, Elend und Hunger bis in den heutigen Tag. In der Menschheitsgeschichte hat es aber immer wieder mehr oder minder erfolgreiche Versuche gegeben, diesen Mißstand zu überwinden. Dies ist sicher auch der Grund, warum der Tauschhandel auch nach Einführung der Geldwirtschaft in begrenztem Umfang erhalten blieb.

Wechselmessen im Mittelalter

Die Zeit der Brakteaten im Hochmittel etwa von 1150 bis 1450 n.Chr. bildet eine interessante Ausnahme in der Geldgeschichte. Während dieser Zeit gab es regelmäßige Münzverrufungen ("renovatio monetarum"), bei denen die alten Münzen gegen neue umgetauscht werden mußten. Der jeweilige Geldbesitzer mußte für den Umtausch seiner Münzen einen Schlagschatz beziehungsweise eine Prägesteuer in Höhe von zehn bis 25 Prozent bezahlen. Diese Steuer diente als Einnahme für den Fürsten und verhinderte eine Geldhortung, die zu Absatzstockung und Wirtschaftskrisen geführt hätte. Durch die Münzverrufungen war der Absatz der produzierten Waren gesichert und es entstand eine Wirtschafts- und Kulturblüte, wie wir sie uns heute kaum mehr vorzustellen vermögen. Um 1495 wurde auf dem Reichstag zu Worms der "Ewige Pfennig" wieder eingeführt und die Münzverrufungen hörten auf. In der Folge setzten Hungersnöte, Seuchen, Krisen und Kriege ein. Das Geld konnte wieder gehortet werden, wodurch der Wirtschaftskreislauf ins Stocken geriet. Im Spätmittelalter erlang deshalb der Tauschhandel wieder größere Bedeutung. Neben aufkommenden privaten Geldersatzmitteln, wie Papiergeld und Wechsel, entstanden bargeldlose Verrechnungssystem, sogenannte Messewährungen. Man nannte sie "écu de marc" oder "écu de soleil" und es gab sie in Frankreich, Belgien, Spanien und Italien. Hugo Godschalk schreibt: "Diese Messewährungen dienten zur multilateralen Verrechnung zwischen den Händlern und richteten sich in ihrem Wert nach einem real umlaufenden Zahlungsmittel oder nach einem Währungskorb." Im 15. Jahrhundert diente ein "carnet" (Buch) auf der Lyoner Messe als Tauschmittel, in dem die Käufe und Verkäufe in "écu de marc" eingetragen wurden. Der Zahlungsausgleich erfolgte nach der Handelsmesse durch eine Devisenmesse, so daß Geld als Zahlungsmittel nur zu einem kleinen Teil notwendig war. Es konnten aber auch Forderungen bis zur nächsten Messe kreditiert werden. Der Bargeldumsatz machte mitunter nur zirka 25 Prozent des gesamten Warenumsatzes aus. Der restliche Warenumsatz wurde ausschließlich über das jeweilige Verrechnungssystem ohne Geld abgewickelt. Später entstanden Börsen und öffentliche Girobanken, wie zum Beispiel die Banco della Piazza di Rialto in Venedig (1587) und die Amsterdamer Wisselbank (1609). Die Amsterdamer Wisselbank entwickelte sich als Girobank am Ende des 17. Jahrhunderts zur größten Welthandelsmacht.

Mit der Einführung des Papiergeldes, das schließlich nicht mehr an den Goldstandard und damit in der Menge an Goldfunde gebunden war, wurde die Grundlage für die industrielle Revolution in den letzten 150 Jahren geschaffen. Aber selbst das beliebig vermehrbare Papiergeld reichte bald nicht mehr aus, um die ständig steigenden Warenströme zu verrechnen. Heute wird ein großer Teil aller Zahlungsvorgänge über Girokonten abgewickelt.

Nur wenige Wirtschaftstheoretiker haben erkannt, daß ein Zusammenhang besteht zwischen der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Entwicklung des Menschen und den wirtschaftlichen Grundbedingungen, insbesondere dem Geld- und Bodensystem. Der britische Naturforscher Charles Darwin (1809 bis 1882) versuchte mit seiner Evolutionslehre die Entwicklung der Arten und auch des Menschen als eine Folge eines stetigen Kampfes ums Dasein zu erklären. Kritiker halten ihm vor, die sozialen Mißstände des 19. Jahrhunderts auf die Natur übertragen und damit die sozialen Gegensätze als naturgegeben gerechtfertigt zu haben. Eine moderne Evolutionslehre müßte anerkennen, daß die Entwicklung von höheren Lebewesen an Lebensgemeinschaften gebunden war, das heißt, daß nicht Konkurrenzkampf, sondern Zusammenwirken in einer Symbiose die Fortentwicklung der Arten ermöglichte. Übertragen auf die gesellschaftlichen Verhältnisse bedeutet dies: nicht der "Sieg" des vermeintlich Stärkeren bringt die Menschheit weiter, sonder das positive Zusammenwirken möglichst aller Kräfte.

Proudhons Idee zu einer Tauschbank

Pierre Joseph Proudhon (1809 bis 1865) ist einer der ganz wenigen Sozialisten, die den Ursprung der wirtschaftlichen und sozialen Probleme nicht in der Produktionssphäre, sondern in der Zirkulationssphäre - also im Güteraustausch statt in der Güterproduktion - gesucht haben. Die oft falsch interpretierte These "la propriété c'est le vol" ("Eigentum ist Diebstahl") von Proudhon bezieht sich nicht auf das private Eigentum, sondern auf die Eigentumsrechte, die ein leistungsloses Einkommen aus Kapitalbesitz ermöglichen. Nach Proudhon ist Eigentum nur erlaubt, das auf Arbeit zurückgeht. Wesentliches Grundprinzip in der Wirtschaft müsse die Gegenseitigkeit (Mutualität) sein. Um das arbeitslose Einkommen aus Pacht und Zinsen als Ursache sozialer Ungerechtigkeit zu überwinden, schlug er 1848 die Gründung einer Tauschbank "banque d'échange" vor. Sie sollte durch Ausgabe von Tauschbons die Bezahlung von Leistungen ermöglichen. Jeder konnte durch Einzahlung einer geringen Summe von fünf Francs an diesem System teilnehmen und zinslose Kredite in Anspruch nehmen.

Wenn auch Proudhons Idee einer Tauschbank auf Ablehnung und Skepsis stieß, traf sie doch den Kern des Problems: wie läßt sich ein Tauschsystem so gestalten, daß es seiner Funktion gerecht wird. Der deutsch-argentinische Kaufmann Silvio Gesell (1862 bis 1930) hat hierzu die entscheidenden Grundlagen erarbeitet. Nach seinen Vorschlägen sollte das Geld auf seine Funktion als Tauschmittel mittels einer Umlauf- beziehungsweise Nutzungsgebühr beschränkt werden. Er schlug "rostende Banknoten" vor, die den Waren gleichgestellt sein und die von niemandem zurückgehalten werden können sollten. Stetige Geldzirkulation soll nach seinen Theorien Wirtschaftskrisen und Arbeitslosigkeit verhindern.

Erfolgreiche Selbsthilfe-Aktionen

Gesells Vorschläge bestätigten sich, als in den 20er und 30er Jahren dieses Jahrhunderts (während der Weltwirtschaftskrise nach dem Börsenkrach von 1929) verschiedene Selbsthilfe-Aktionen auf der Grundlage seiner Theorien erfolgreich versuchten, die hohe Arbeitslosigkeit zu überwinden. Das "Wirtschaftswunder von Wörgl" und die Wära-Tauschgesellschaft werden in einem weiteren Beitrag ausführlich beschrieben. Als weiteres Beispiel soll hier die Ausgleichskassenbewegung vorgestellt werden. Besonders bekannt waren damals die Ausgleichskasse in Rendsburg (1931) und die Arbeitsgemeinschaft Oberschlesien (1932). Über die Funktionsweise dieser Tauschringe schreibt Hugo Godschalk: "Als Tauschmittel dienten sogenannte Verrechnungsscheine oder Ausgleichsschecks, die zur Verrechnung an die Zentrale weitergeleitet wurden. Die gegenseitige Aufrechnung geschah in offizieller Währungseinheit oder in fiktiven Rechnungseinheiten (zum Beispiel in "Arma" bei der AG Oberschlesien; eine Arma entsprach dem Wert einer Maurerstunde in Oppeln)." Güter und Dienstleistungen wurden von den Mitgliedern dieser Tauschringe unter sich ausgetauscht. Lediglich die Verrechnung erfolgte über die jeweilige Abrechnungsstelle. Innerhalb solcher Verrechnungssysteme gab es die Möglichkeit zinsloser Kredite. Wer sie in Anspruch nehmen wollte, mußte lediglich eine Gebühr bezahlen. Die Mitglieder solcher Tauschringe konnten nun Absatzstockungen und damit Arbeitslosigkeit vermeiden. 1934 wurden jedoch per Reichsgesetz sämtlichen Verrechnungssystemen die Lebensgrundlage entzogen, indem die Nichteinlösbarkeit von Kontoguthaben in Bargeld verboten wurde.

WIR-Wirtschaftsring in der Schweiz

Vor über 50 Jahren im Jahre 1934 wurde in Zürich die heute noch bestehende WIR-Wirtschaftsring-Genossenschaft gegründet. Die Gründungsmitglieder waren Anhänger Silvio Gesells gewesen, die den WIR als Selbsthilfe mittelständischer Unternehmen zur Überwindung der damaligen Absatzkrise verstanden. Mit dem WIR wurden aber zugleich auch geldreformerische Ziele verfolgt. Wie bei den Ausgleichskassen wurden im WIR Verrechnungen bargeldlos vorgenommen. Barabhebungen waren nicht erlaubt und Kredite wurden gegen niedrige Zinsen vergeben. Das WIR-Giralgeld unterstand einer Umlaufsicherung, das heißt auf positive Guthaben mußte eine Gebühr bezahlt werden, die sich nach der Höhe des Kontostandes richtete. Zeitweise wurde sogar "Schwund"-Bargeld herausgegeben. 1952 gab die WIR-Genossenschaft jedoch die Umlaufsicherung aus "ideologischen" Gründen auf.

Heute ist die WIR-Wirtschaftsring-Genossenschaft ein modernes Unternehmen mit Sitz in Basel, dessen Umsatz von Jahr zu Jahr steigt. Lag der Umsatz in WIR-Geld 1981 noch bei 275 Millionen sFr., so ist er 1990 auf 1.788 Millionen sFr. angestiegen. Im Jahr 1991 wurde ein Umsatz von mehr als zwei Milliarden sFr. erreicht. Ende 1990 lag die Zahl der Genossenschafter bei über 2000. Seit 1981 ist die Anzahl der Teilnehmer Konten von 24.642 auf 56.309 im Jahr 1990 angestiegen. Der Erfolg der WIR-Wirtschaftsring-Genossenschaft beruht hauptsächlich auf den zunehmenden Absatzschwierigkeiten in der Wirtschaft und den hohen Zinsen in den letzten Jahren, die vorwiegend kleinere und mittelständische Unternehmen in Bedrängnis brachte. Den WIR-Teilnehmern stehen Kredite zu einem Zinsatz von nur 1 3/4 Prozent pro Jahr zur Verfügung.

Barter-Clubs

In den letzten 20 Jahren sind, ausgehend von Österreich, vorwiegend in den USA Barter-Clubs entstanden, die für ihre Mitglieder Verrechnungen vornehmen. Das amerikanische Handelsministerium schätzt, daß 1990 in den USA über 500 Milliarden Dollar über Barter-Verrechnungssystem umgesetzt wurden. Nachdem 1984 die rechtlichen Hürden überwunden waren, entstanden auch in der Bundesrepublik verschiedene Barter-Organisationen wie die Erste Deutsche Tauschbörse in Köln, Barter Business Club in Witten und die Barter Tauschzentrale in Hamburg. Viele dieser Unternehmen verschwanden aber bald wieder. 

Eines der größten Barter-Unternehmen war die inzwischen in Konkurs gegangene BCI Vermittlung von Kompensationsgeschäften Gesellschaft m.b.H. & Beteiligungs KG mit Hauptsitz in München. BCI bot ihren bis zu zirka 10.000 Kunden neben der geldlosen Verrechnung ein Informationssystem an, das Angebot und Nachfrage zusammenbringt. Das Informationssystem arbeitete dabei nachfrageorientiert, das heißt der Teilnehmer konnte seine Wünsche an die BCI-Geschäftsstelle äußern, die dann für die Vermittlung von günstigen Angeboten sorgte. Für den Teilnehmer entfiel damit lästiges Suchen nach geeigneten Angeboten. Allerdings konnten nur Unternehmer oder Selbständige an diesem System teilnehmen. 

Trotz aller Bemühungen haben Barter-Organisationen in Europa mit Ausnahme des WIR Wirtschaftsringes in der Schweiz bislang keine weite Verbreitung erlangt. Bevor ein Unternehmen an einem Barter-System teilnimmt, sollte es eingehend die Absatz- und Einkaufsmöglichkeiten prüfen.
 

Literaturhinweise:

Godschalk, Hugo: "Die geldlose Wirtschaft - Vom Tempeltausch bis zum Barter-Club", Basis Verlag Berlin 1986
Walker, Karl: "Wirtschaftsring - moderne Absatzwege", Zitzmann Verlag Lauf bei Nürnberg 1959
Weissenbeck, Friedrich und Mehler, Ha.A.: "BARTER", verlag moderne indsutrie 1987

Dieser Artikel wurde erstmals in dem 1998 eingestellten Rundbrief "Angebot & Nachfrage" 
Nr. 5 vom September 1991 veröffentlicht.