Womit sind wir angetreten?
Was geht gemeinsam weiter?
Thema 3 des Tauschring Bundestreffens 2000 in Karlsruhe
Diskussionsbeitrag von Helfried Lohmann,
gehalten auf dem Markttag des TR-Ka am 13.9.00
Die Tauschring-Bewegung hat im großen und ganzen drei Wurzeln.
1. Wiederbelebung der Nachbarschaftshilfe / Leistungsaustausch
2. Soziale Kontaktbedürfnisse
3. Geldtheoretische und Alternativ-Wirtschaftliche Überlegungen
Ich denke das kann von allen anerkannt werden, auch wenn der eine oder
andere Tauschring sich nur auf eine dieser Wurzeln bezieht oder eine andere
Wurzeln hat. Was gemeinsam weiter geht hängt mit davon ab, was überhaupt
weitergeht. Und wovon hängt ab, ob und was weiter geht? Diese Frage
möchte ich näher beleuchten.
Damit der Tausch weitergeht braucht es:
1. Menschen, die die Orga-Arbeit machen
2. Begeisterung und etwas, mit dem ich mich Identifizieren kann
3. einen interessanten "Markt".
1. Orga-Arbeit
Die Orga-Arbeit muß finanziert werden. Das heißt möglichst
wenig Aufwand (viel Effiziens) und Einnahmen entsprechend dem Aufwand.
Das ist eine frage guter Organisation und hängt auch davon ab, ob
die Motivation zum Tauschen von selbst da ist.
Das Orga-Team (jeder TR hat so etwas, egal wie es heist) trägt
verantwortung für demotivierende Faktoren. Es kann initiativen starten
und unterstützen, aber es kann nicht Aufgabe des Orga-Teams sein,
Motivation zu schaffen. Dann wären wir im kapitalistischen Markt,
wo (sinnlose) Bedürfnisse geschaffen werden, damit Arbeitsplätze
erhalten bleiben, oder Kapitalinteressen befriedigen werden.
Wenn nicht getauscht wird, ist es an der Zeit:
- Die Qualität des Orga-Teams auf demotivierende Schwachstellen
zu prüfen.
- Den Umfang der Orga-Arbeit auf eine vernünftige Relation zum
Tauschvolumen zu reduzieren.
- Sich über Personalwechsel gedanken zu machen. Ist das Orga-Team
ausgepowert oder zu sehr in sich verstrikt?
2. Begeisterung und Identifikation
Begeisterung kann nicht geschaffen werden - aber verhindert.
Ob beim Tauschen Begeisterung aufkommt, ist eine Frage von übereinstimmung
mit "Lebensenergie" und "im Fluß sein". Eine Frage, ob Bedürfnisse
richtig erkannt und treffend befriedigt werden können und ob es gelingt,
das bewußt zu machen.
Wenn ich mich und meine Ziele positiv verwirklichen kann, dann dann
ich mich auch mit der Gruppe oder Idee identifizieren, die das ermöglicht.
Begeisterung hat etwas mit Geist zu tun - also jenseits von materiellen
Bedürfnissen. Damit ich den Geist einer Idee oder Gruppe erkennen
kann, braucht es ein klares Profil. Es braucht auch Abgrenzung (nicht unbedingt
Ausgrenzung) und einen Fockus auf die Zentralen Themen. Damit ich weis,
welche Themen zentral sind, muß ich zuerst wissen, was ich will und
wünsche. Ohne die Kenntnis von mir selbst kann ich nicht begeistern
- allenfalls eine gewisse Euphorie verbreiten, die selten von Dauer ist.
Tauschringe sind i.d.R. pragmatisch auf gegenseitige Hilfe angelegt.
Sie befriedigen auch einige soziale Bedürfnisse sehr gut und schaffen
Kontakt. Aber sie bieten wenig Identifikationsmöglichkeit. Dezidiert
eigenständige Positionen, die sich von anderen Organisationen (und
deren Wertesystemen) unterscheiden lassen, finden sich nur bei der Frage
der Bewertung der Arbeit und bei der Geldkritik.
Weiter bieten Tauschsysteme eine praktische Unterstützung im Zusammenwirken
der Menschen aus einem bestimmten Kreis. Seniorengenossenschaften - Wohnprojekte
- Freie Schulen - Glaubensgemeinschaften - Szenekreise - Kundenkreise -
Internetgemeinschaften. Alle diese speziellen Tauschsysteme sind auch ein
Teil und eine Bereicherung der Tauschring-Bewegung - auch wenn ich
mit dem Glaubenssystem der Gruppe, die den Tauschring macht evtl. nicht
einverstanden bin. Es muß allerdings transparent gemacht werden,
wenn ein Tauschsystem zu einer bestimmten Gruppe gehört. Wenn ich
weis, aus welcher Motivation heraus die Teilnehmer eines bestimmten Tauschringes
sich zusammengeschlossen haben, dann kann ich mich mit diesem Tauschring
vernetzen (oder auch nicht). Z.B. haben wir in Karlsruhe eine Kooperation
zwischen dem Tauschring.KA und dem Tauschring "Geben und nehmen" an der
Waldorfschule beschlossen. So schaffen wir einen interessanteren Markt.
3. Ein interessanter Markt
Für einen interessanten Markt brauche ich viele Verschiedene Angebote,
die auch tatsächlich verfügbar sind. Damit sich viele einbringen
möchten, braucht es Motivation und Identifikation. Es müssen
sich also viele verschiedene Menschen mit ihren Zielen und Bedürfnissen
im TR wiederfinden können. Auf der anderen Seite bracht es dafür
ein klares Profil. Konsequenter Weise folgt daraus die Forderung, viele
kleine Tauschsysteme mit eigenen Profil zu bilden und zu vernetzen. So
entsteht ein interessanter Markt und viel Identifikationsmöglichkeit.
Es können auch einfach Stadtteilgruppen sein, die allerdings offen
für Menschen aus anderen Stadtteilen sein sollten. Mit einer guten
Büro-Organisation sollte der Verwaltungs-mehraufwand geschafft werden
können.
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