Tauschringe – Warum
sie wirklich entstanden sind
Werner Bareis, Talentbörse Göppingen (vertrete hier allerdings
keine offizielle Meinung der Talentbörse, eine solche gibt es in unserem
Tauschring auch gar nicht, und das soll sich auch nicht ändern)
Zur Person: Jahrgang 1966, studierte Betriebswirtschhaft, arbeitet
jetzt als Controller bei einem Bildungsträger
Liebe Freunde, erlaubt mir zunächst etwas auszuholen:
Selbst in der Tauschringszene wissen nur wenige, daß nach dem
zweiten Weltkrieg bis zur Währungsreform Dutzende Tauschringe existierten,
so in Nordbayern, Hessen, Niedersachsen, Berlin. Am verbreitetsten waren
Tauschringe jedoch in Württemberg und Baden mit insgesamt 27 Tauschringen.
Mit Zustimmung der Militärregierungen wollten sie die Versorgung
der Bevölkerung und die Umsätze des Handels verbessern. Initiatoren
waren meist örtliche Einzelhandelsgeschäfte aus unterschiedlichen
Branchen. Ein Tauschinteressent mußte sein Tauschobjekt bei dem dafür
zuständigen Fachgeschäft schätzen lassen. Falls sich die
Tauschstelle zum Ankauf entschloß, bekam der Tauschverkäufer
einen Tauschbon und zusätzlich Bargeld im Wert des Tauschobjektes.
Der Tauschbon berechtigte sechs Monate lang zum Erwerb eines Tauschgutes
in jedem angeschlossenen Geschäft. Der Tauschbon war mindestens so
wichtig wie das Bargeld, denn damals herrschte eine strenge Güterrationierung.
Im Unterschied zu unseren Tauschringen floß also bei jedem Tausch
stets auch Geld.
Bei den Tauschringen ging es nicht um Peanuts: In der Stadt Esslingen
wurden zum Beispiel fünfzig Prozent der Gesamtnachfrage nach Schuhen
im Rahmen des Tauschrings abgedeckt, die anderen fünfzig Prozent wurden
regulär gehandelt. In vierzehn Monaten wechselten per Tausch 26.340
Paar Schuhe den Besitzer. Natürlich wurden nicht nur Schuhe getauscht,
sondern auch Kleidung, Haushaltsartikel und Werkzeuge. So verbreitete sich
rasch der Leitspruch "Fehlt Dir ein Ding? Dann tausch es beim Ring."
Mit der Währungsreform und dem sich damit normalisierenden Warenangebot
verschwanden die Tauschringe allerdings rasch.
Analyse und Kommentar: Schluß mit dem frommen Selbstbetrug
!
Warum blühen die Tauschringe nach ihrem raschen Niedergang mit der
Währungsreform 1948 jetzt wieder auf, wenn auch in bescheidenerem
Maße als damals, und feiern fröhliche Urständ? Die Frage
hat es in sich. Die D-Mark, die damals sehr rasch die Tauschringe killte,
existiert schließlich immer noch. Und daß die Einführung
des Euros Ursache ist, wird niemand ernsthaft behaupten. Vielleicht geht
es ja bei den Tauschringen gar nicht so sehr um Fragen der Arbeitslosigkeit,
der wirtschaftlichen Verarmung, der lokalen Wirtschaft, des Zinssystems
oder um das menschliche Miteinander, wie ständig von deren Repräsentanten
angeführt und geglaubt wird. Die Arbeitslosenquote jedenfalls unterschied
sich 1948 nicht wesentlich von heute - Kriegsheimkehrer und Millionen Vertriebene
drängten damals auf den Arbeitsmarkt.
Auch daß die Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland stark
zugenommen habe, wurde nie wirklich überzeugend belegt. Übrigens
hatten 1996 die ärmsten fünf Prozent der Bevölkerung in
Westdeutschland inflationsbereinigt 18 Prozent mehr Einkommen als 1986.
Das weiß zumindest das eher gewerkschaftsnahe Deutsche Institut für
Wirtschaftsforschung (DIW), das die Zahlen anhand einer repräsentativen
Stichprobe von 18.000 Menschen ermittelt hat. Und weiter DIW: Die Einkommensverteilung
sei völlig stabil. (Capital 3/98, darf man diese Zeitschrift in der
Tauschringszene überhaupt erwähnen?). Wirklich Arme, die es natürlich
gibt, muß man in den meisten Tauschringen ohnehin mit der Lupe suchen,
die finden nämlich kaum zu uns. Mal abgesehen davon, daß ein
Sozialhilfeempfänger verglichen mit einem Angestellten anno 1948 ein
vergleichsweise gutes Auskommen hat, wenngleich er jeden Pfennig zweimal
umdrehen muß.
Die Globalisierung der Wirtschaft (hier müssen wir deren Chancen
und Risiken nicht diskutieren) war, gemessen an der Exportquote, zu Beginn
unseres Jahrhunderts nicht geringer als heute, ohne daß man damals
von der Förderung der lokalen Ökonomie oder gar von der Notwendigkeit
von Tauschringen sprach.
Sind Tauschringe eine Erscheinung in Zusammenhang mit Fehlentwicklungen
unseres Zinssystems? Eher nicht. Die Zinssätze haben vor kurzem erst
historische Tiefststände erreicht. Außerdem bauen einige Staaten
ihre Verschuldung inzwischen sogar ab.
Auch die Vereinsamung in unserer Gesellschaft ist keine plausible Erklärung
für die Renaissance der Tauschringe. Die Einsamkeit der Menschen hat
nämlich entgegen aller anderslautenden, ständig wiederholten
Mutmaßungen seit 1948 eher abgenommen. Das Allensbacher Institut
führte mit nahezu unverändertem Fragebogen 1953, 1979 und 1990
eine breite Umfrage durch, die mehr als zehn Fragen zur Vereinsamung enthielt.
Es fand sich kein einziges Ergebnis, das eine zunehmende Kälte und
Vereinsamung bestätigte. Ganz im Gegenteil fühlten sich 1990
viel weniger Menschjen einsam als 1953; die Zahl der Gesprächspartner
hatte zugenommen, die Häufigkeit der gegenseitigen Einladungen ebenso
(FAZ 13.01.99). Also Schluß mit dem Geheule! Und wäre die Vereinsamung
der Menschen das Problem, dazu hätte man die Tauschringe nicht erfinden
brauchen, denn an Möglichkeiten, Leute kennenzulernen, gibt es nun
wirklich kein Mangel -wenn man die Zeit dazu hat. Und wenn man keine Zeit
hat, oder total verschüchtert ist, hilft meist auch kein Tauschring.
Also hört endlich auf mit dem frommen Selbstbetrug, was die Gründe
für das Entstehen der Tauschringe anbelangt. Fragen des Zinssystems,
der Arbeitslosigkeit, der lokalen Wirtschaft oder das menschliche Miteinander
sind dafür keine Erklärung. Seit 1948 hat sich vor allem eines
geändert: Die Gier des Staates! Umsatz- und Einkommensteuer sind stark
angestiegen, die sogenannten Sozialabgaben geradezu explodiert. Der Normalverdiener
leistet von Januar bis in den Juni hinein ausschließlich Frondienste
für den Staat, erst der Lohn für die restlichen Monate fließt
in seine eigene Tasche (deshalb wurmt es mich auch, wenn neue Tauschringe,
kaum haben sie drei oder vier Mitglieder, gleich an staatliche Fördertöpfe
drängen wie die Sau an den Trog - Verzeihung!). Auf dem regulären
Markt muß heute ein Maurer vier Stunden arbeiten, um eine Klempnerstunde
zu bezahlen, und der muß vier Stunden arbeiten, um eine Maurerstunde
zu berappen. Das ist es, was sich seit 1948 gravierend geändert hat!
Ursache für das Aufblühen der Tauschringe ist alleine der ausufernde
Moloch Staat. Und hier ist der Tauschring eine legale Nische. Nicht zu
vergessen der Wust an Gesetzen und Verordnungen, mit dem uns der Staat
eindeckt. Tauschringe haben dagegen unbewußt (die meisten werden
es niemals wahr haben wollen) den Charme einer deregulierten Wirtschaft
entdeckt: Jeder kann im Prinzip im Tauschring machen, was er will, solange
er niemand anders schädigt - man kann von einer regelrechten Spontanindustrie
sprechen.
Meine "linken Freunde", mit denen ich mich als (noch) junger Heißsporn
und sowieso als Betriebswirt stets mit Vergnügen etwa auf überregionalen
Tauschringtreffen fetze, neigen gelegentlich dazu, die Tauschringe als
ein "linkes Projekt" zu verstehen. Hier behaupte ich mal einfach, daß
die Tauschringe konsequent gedacht ein durch und durch liberales Projekt
sind (aus Gründen der Selbstachtung muß ich aber gleich hinzufügen,
daß ich in meinem Leben noch nie die Drei-Pünktchen-Partei gewählt
habe - immerhin!).
Um Mißverständnissen vorzubeugen: Tauschringe sind aus meiner
Sicht organisierte Nachbarschaftshilfe und keine Schwarzarbeit, solange
der Einzelne keine gigantischen Umsätze erzielt. Insofern sind Tauschringe
eine legale Ausweichbewegung. Daß man nette Menschen kennenlernen
kann, auch aus Gesellschaftsgruppen und -schichten, mit denen man sonst
kaum Kontakt hätte (siehe vorhergehender Absatz), bleibt natürlich
trotzdem eine schöne Nebenwirkung. Ich wünsche mir, daß
die Tauschringbewegung weiterhin so bunt bleibt. In diesem Sinne viel Spaß
beim Tauschen!
Im Übrigen freue ich mich auf eine anregende Diskussion auf dem
Tauschringtreffen.
Quelle zu den historischen Angaben: Christian Schneider: Ein unentdecktes
Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte - Der Esslinger Tauschring und die
Vereinigten Tauschringe in Württemberg-Baden - veröffentlicht
in: Esslinger Studien 35 / 1996 Hrsg: Stadtarchiv Esslingen (umfaßt
mit einer differenzierten Tauschstatistik und mit umfangreichen Literaturangaben
11 Seiten)
Werner Bareis
Hermann-Hesse-Straße
4a
73037 Göppingen
Tel. (07161) 7 15
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Fax (07161) 96 83
10
E-Mail Werner.Bareis@t-online.de
An das Organisationsteam für das Bundestreffen
Karlsruhe
Beitrag für Reader
Göppingen, 29.7.2000
Liebes Organisationsteam für das Bundestreffen,
aus dem Anmeldungsformblatt: "Die klassische Lohn-Arbeitsgesellschaft
mit "Vollbeschäftigung" ist nicht mehr erreichbar." ... "Welche anderen
Wertsysteme können in Tauschringen erfahren und ausprobiert werden?"
Zu diesen Thesen bzw. Fragen, die meiner Meinung
nach die Sicht für Lösungen eher verstellen, habe ich persönlich
eine andere Meinung. Ich habe dazu einen Beitrag für den Reader geschrieben.
Finde es übrigens eine sehr gute Idee, VOR dem Tauschringtreffen diesen
Reader zu verteilen.
Wenn es nicht gewünscht wird, dass sich auf
der Podiumsdiskussion alle nur brav gegenseitig zustimmen, wenn eine wirklich
kontroverse Diskussion geführt werden soll, dann bin ich gern bereit,
mich an dieser Diskussion zu beteiligen.
Ich könnte mir vorstellen, das meine Thesen
zu Themenschwerpunkt 2 "Bewertung der Arbeit im sozialen Miteinander" oder
zu 3. "Womit sind wir angetreten? Was geht gemeinsam weiter?" passen.
Zu meiner Person: Ich habe 1995 den Tauschring
Talentbörse Göppingen (125 Mitglieder) initiiert und bin dort
Vorstandsmitglied. Habe Betriebswirtschaft studiert und arbeite in der
kaufmännischer Verqwaltung bei einem Bildungsträger. Bin 34 Jahre
alt. Habe in der Vergangenheit an den meisten bundesweiten Tauschringtreffen
teilgenommen, war jedoch nicht in Rostock.
Freundliche Grüße aus Göppingen
Werner Bareis
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