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Rolf Schröder, Schreibwerkstatt

Flatlander* - Ein Bericht aus Neugrenzland

Als utopischer Schriftsteller fühle ich mich manchmal wie Abbotts armer Freund aus dem Land der einen Dimension "Flachland", dessen Berichte aus "Raumland" von seinen Mitbürgern nur mit Hohn und Spott bedacht wurden. Es tröstet mich, dass dies auch das Schicksal jener Visionäre war, deren Ideen sich als Facetten unserer heutigen zweidimensionalen Dualwirtschaft erwiesen haben.

Jenseits der früheren Totalität des globalen Systems bieten heutzutage lokale Märkte einen Rahmen für wirtschaftliche Transaktionen, ein institutionelles Arrangement, welches inzwischen wohl allzu selbstverständlich geworden ist: Verkäufe sind hier nur insoweit anerkannt als sie durch Einkäufe ausgeglichen werden, der Saldo am Ende des Jahres ist zahlbar in globaler Währung und genießt auch nicht die Steuerfreiheit der lokalen Märkte. Natürlich sind die lokalen Märkte vom traditionellen Wirtschaftssektor abhängig - die für die lokale Produktion notwendige Kapitalbasis wie auch das garantierte Mindesteinkommen in Globalwährung werden hier erwirtschaftet. Aber es ist eine gegenseitige Abhängigkeit - nur die Lokalmärkte offerieren genügend Beschäftigungmöglichkeiten, und nur so ist jene soziale

Stabilität gewährleistet, die auch das effiziente Funktionieren der Globalwirtschaft garantiert.

Da eine jede unserer lokalen Währungen absolut nicht-konvertibel (nicht-umtauschbar) ist, bilden diese lokalen Märkte eine zweite Dimension unserer lokalen Wirtschaft. Der Vergleich zur eindimensionalen Struktur des letzten Jahrhunderts, als high-tech Produktion oder Finanzdienstleistungen behandelt wurden wie die arbeitsintensive ökologische Lebensmittelproduktion oder Sozialdienstleistungen, erinnert uns an die erste Reise von Abbotts Freund nach "Linienland", wo die Botschaft von der zweiten Dimension auch ungehört blieb.

S. Flor, 2029
* Referenz: Edwin A. Abbott "Flatland. A romance of many Dimensions",
(zuerst veröffentlicht 1884, inzwischen auch in deutscher Übersetzung erhältlich)


Es war 1986 oder 1987 als ich zum ersten Mal eine Notiz von S. Flor erhielt. Bis heute bin ich nicht sicher was sich hinter diesen "Berichten aus der Zukunft" wirklich verbirgt - es mag dahingestellt bleiben, ob sie mittels eines Zeittunnels vermittelt werden oder ob es sich schlicht um einen kleinen Schwindel handelt. Jedenfalls war ich von dieser dualwirtschaftlichen Perspektive sehr fasziniert und habe mich seither intensiv damit beschäftigt. So erfuhr ich kurz nach dieser Entdeckung, dass mit den LETS kleine lokale Wirtschaftssysteme bereits einige Zeit zuvor gegründet worden waren.

Die Beschreibung der Dualwirtschaft des Jahres 2029 durch S. Flor illustriert das Konzept "social fiction". Gegenwärtig wird zwar viel von Visionen gesprochen, doch wo gibt es wirklich den Blick auf die neue Dimension? Multimedial und bunt werden "Zukünfte" angeboten; für jeden etwas - so der Anspruch der "Welt"-Ausstellung, doch wer mit Blick auf die sozialen und ökologischen Probleme unserer Zeit nach sozio-ökonomischen Innovationssprüngen sucht, stößt auf die Lücken dieser postmodernen Jahrmärkte. Dabei muß ehrlicherweise konzediert werden, dass bahnbrechende Alternativen wirklich rar sind. Dies mag auch darin begründet liegen, dass der Begriff "Utopie" nach seiner Instrumentalisierung durch die alten systemkritischen Ideologien so umfassend, so total geworden ist, dass seine Aussagekraft ins Nichts umgeschlagen ist. Demgegenüber wird mit dem SF-Konzept Bezug genommen auf die klassischen Sozialutopien in der Tradition von Thomas Morus. Seither hat es viele Änderungen in der "Ausmalung" des "Nicht-Landes" gegeben, ein Prozeß, der sicherlich noch nicht abgeschlossen ist. So wird in diesem Konzept für "neue und neuartige Grenzen" plädiert. Zugegeben, Grenzen zu setzen ist immer ein willkürlicher Akt. Aber SF sucht nach dem NEUEN eben nicht in irgendeiner Unendlichkeit, sondern sozusagen vor unseren eigenen Füßen.

Ob Sozialarbeiter, Arbeitsloser, Wissenschaftler, Hausarbeiter mit eigenem Garten und/oder Tauschringmitglied - die "Berichte aus der Zukunft" bieten eine Plattform, die es erlaubt, die eigenen praktischen Erfahrungen zu reflektieren, mit anderen zu teilen und letztendlich über sie hinauszugehen. Es stellt ein Angebot an jene dar, die sich mit den praktischen Resultaten ihrer privaten, beruflichen, wissenschaftlichen oder politischen Aktivitäten nicht zufrieden geben wollen, an jene, welche die Ausrufezeichen hinter den "Top-Down" Lösungen innerhalb des etablierten institutionellen Rahmens nicht akzeptieren wollen. S. Flor beschreibt ein Land mit neuen Grenzen; wer ebenfalls einen Freund im Land der zwei Dimensionen hat - sei es in dem von S. Flor gesetzten Rahmen oder aber einem anderen Ort bzw. einer anderen Zeit - sei herzlich willkommen.

Rolf Schröder, 2000

 
 
 

(Mehr - auch von S. Flor - findet sich unter www.social-fiction.de)


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