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Dr. Monika Schillat
Potentiale des Tauschringprinzips zur Schaffung von Arbeit

Was ist an den Tauschringen bzw. -systemen so innovativ? Auf diese Frage wird wohl jede/r unterschiedliche Antworten geben, in Abhängigkeit davon, aus welchen Motiven man/frau sich den Tauschringen zugewandt hat, welche Erfahrungen in und mit diesen Zusammenhängen gesammelt, und wie diese reflektiert werden. Diejenigen, die vor allem geld- und/oder wirtschaftsreformerische An- und Absichten haben, "übersetzen" offenbar bereits die vier Buchstaben "LETS" anders als diejenigen, die über das Tauschringprinzip äquivalenten wechselseitigen Gebens und Nehmens vor allem ein Mittel sehen, um dadurch neue, zusätzliche, notwendige Arbeit zu generieren und so Bedürfnisse zu befriedigen und bestimmte Aufgaben zu realisieren, die sonst unbefriedigt bzw. unerledigt blieben.

Wenn ich die Lage richtig einschätze, dann verstehen sich in der Bundesrepublik die meisten Tauschringe als Selbsthilfeeinrichtungen zur Förderung der erweiterten Nachbarschaftshilfe. Die Tatsache, daß sich beständig solche Einrichtungen neu gründen, zeigt, dass es für diese Form der "Tauscharbeit von Bürger zu Bürger" (Helmut Saiger) einen wachsenden Bedarf gibt, und wenn sich diese Tauschformen zur Zufriedenheit der Mitglieder nach innen qualifizieren, erhöht dies auch die Attraktivität des Tauschringprinzips nach außen. Doch damit sind die Entwicklungspotentiale dieses Prinzips in Bezug auf die Generierung von Arbeit, die "Erziehung" zu neuen Verhaltensweisen bei der (Tausch)Arbeit und zur Erzielung zusätzlicher Mittel zur Sicherung des Lebensunterhalts gewiß noch nicht erschöpft.

Es gibt Tauschringe und/oder einzelne Aktive, die theoretisch und / oder praktisch eine Erweiterung des Aufgabenfeldes in verschiedenen Richtungen andenken oder erproben, sei es in Richtung einer Alterssicherungsmöglichkeit nach tauschringähnlichem Prinzip, der verstärkten Einbeziehung von Gewerbetreibenden, der Kooperation mit gemeinnützigen Einrichtungen, Beschäftigungsträgern u.a..

Mich – und wie ich vermute andere auch, die z.B. im Rahmen der Lokalen Agenda "von unten" mitarbeiten – bewegen diese Fragen: Wie kommen Tauschringe (die dies auch wollen) aus ihrer Privatheit heraus, wie kommen sie wirklich in die lokale Gesellschaft? Wie kann ihre marginale Bedeutung, die sie im lokalökonomischen Bereich haben, aufgebrochen werden. Wie kann man mit Hilfe von Tauschringen dazu beitragen, zusätzliche, nicht-prekäre Erwerbsarbeit zu schaffen und so sozialer Ausgrenzung begegnen?

Die in diesen Fragen enthaltenen Aufgaben lassen sich nicht bewältigen, indem Tauschringe für sich an Attraktivität gewinnen, zahlreicher und größer werden oder versuchen, z.B. Politiker, Medien, Gewerbetreibende oder wen auch immer, zu missionieren.

An was es uns – der Tauschring-Bewegung – m.E. mangelt, sind nicht hehre Ziele, Ideale und Absichten, sondern realistische Strategien zur Verwirklichung dieser Ziele.

Ich plädiere dafür, in Karlsruhe nicht nur über papierne Positionen, bloße Ansichten und unterschiedliche Erfahrungen zu diskutieren (siehe TSN Nr. 10 und 11), sondern über trag- und konsensfähige lokale Strategien, die transferierbar sind. Dazu wäre es sicher auch nützlich, über Erfahrungen aus Modellprojekten zu reden, die zusätzliche Arbeit in unterschiedlichen Formen schaffen wollen, die aber stagnieren oder gescheitert sind (z.B. das Linzer Modell).

Mir wäre es ein Bedürfnis, über die Funktionen zu reden, die die Tauschsysteme realisieren können, um im Dritten Sektor bzw. System die Schaffung von Erwerbsarbeit(splätzen) zu unterstützen bzw. in Kooperation mit Einrichtungen des Ersten (privaten) und Zweiten (öffentlichen, staatlichen) Sektors diese Aufgabe zu erfüllen. Vielleicht kann in diesem Zusammenhang das von der Interdisziplinären Forschungsgruppe "Lokale Ökonomie" an der TU Berlin entwickelte Drei-Sektoren-Modell bzw. die Darstellung über Formierungsperspektiven des Dritten System hilfreich sein (siehe Grafiken), um sich darüber zu verständigen, mit welchen Akteuren Lokale Partnerschaften sinnvollerweise geschlossen werden können.

Da ich es für illusorisch halte, Arbeit völlig geldlos entlohnen zu wollen (schon deshalb unmöglich, weil z.B. der Mietzins kaum in "Talenten", "Batzen", "Punkten" usw. zu entrichten sein dürfte), wäre zu überlegen, wie z.B. das über geldlosen Arbeits- oder Ressourcentausch "gesparte" Geld in Fonds verwaltet und zur Finanzierung von Arbeit auf lokaler Ebene verwendet werden kann. – Dies wäre eine Idee, noch keine Strategie!

Natürlich fehlen zur Durchsetzung innovativer Projekte zur Schaffung von Arbeit viele Rahmenbedingungen, möglicherweise rechtliche Absicherungen oder veränderte Gesetzesgrundlagen, über die wir über längere Zeiträume als nur in drei Tagen zum Bundestreffen kommunizieren müßten. Hier bietet es sich an, bei der in Gründung befindlichen Arbeitsgemeinschaft Drittes System Vorschläge zu unterbreiten, damit die Tauschringe auch "ordnungspolitisch" verankert werden.

Dr. Monika Schillat
Interdisziplinären Forschungsgruppe
Lokale Ökonomie an der TU Berlin,
Mitglied im Tauschring Berlin-Marzahn
Kulturzentrum Tempel Hauptbau