Eigenverantwortung und soziales Engagement
Diskussionsbeitrag zum Titel-Thema des TR Bundestreffens
gehalten auf dem Markttag der TR-Ka von Helfried Lohmann, 13.9.00
Worin besteht der Zusammenhang von Eigenverantwortung und Sozialem Engagement
in Tauschringen?
Das im TR eigenververantwortung gefragt ist, ist offensichtlich. Nur
so funktioniert der Tauschring. Nicht nur, daß wir Verantwortung
für unser Handeln übernehmen müssen - das sollten wir immer
tun. Es ist eine besondere Form von Eigenverantwortung gefragt, nämlich
selbständiges unternehmerisches Handeln. Und das wird in unserer Kultur
meist nicht mit sozialem Engagement in Zusammenhang gebracht. Aber unter
bestimmten Bedingungen gibt es den Zusammenhang eben doch; z.B. in Tauschringen.
Gemeinhin bringen wir soziales Engagement mit karitativem oder selbstlosem
Handeln in Verbindung. Die Fragen stellen sich: wer das auf Dauer aushält
und wem das zu nutze kommt. Das soziales Engagement gegenüber Schwachen
und Hilfsbedürftigen Geschöpfen richtug ist und für ein
Lebenswertes Leben nützlich, das steht außer Frage. Die Frage,
wem welche Art von Hilfe zu welchem Zeitpunkt wie weit nützt, läßt
sich nicht im allgemeinen Behandeln, sondern nur im Detail.
Die andere Frage (wer selbstloses Handeln auf Dauer aushält?) ist
für uns in den Tauschringen sehr interessant. Ich unterstelle, daß
nur sehr wenige Menschen auf dauer selbstlos handeln. Aber es gibt eine
Fülle von Gegeleistungen verschiedener Art, die als solche (teilweise
unausgesprochen) akzeptiert werden.
Geld - soziale Anerkennung - Bewunderung - Dankbarkeit - Selbstverwirklichung
- Kontaktmöglichkeiten - zärtliche Berührung - Erleuchtung
- Erfahrung - spätere Zuwendung - spätere Arbeitserleichterung
- Erkenntnisgewinn - Identifikationsmöglichkeit.
Im Tauschring kommt die "Zeit" als ein "Gegenwert" dazu. Die Zeit als
Gegenwert ist weniger emotional besetzt, wie die meisten anderen genannten
Werte. Die Zeit ist auch ein objektiverer Wert als Geld, weil der Geldwert
von Leistungen bei uns durch kapitalistische Marktgesetze (ich meine das
hier nicht abwertend sondern beschreibend) verzerrt ist.
Und was hat das mit sozialem Engagement zu tun?
Jeder, der im TR aktiv ist, kennt die sozialen Aspekte dieser Arbeit.
Die Kontaktmöglichkeiten entlang direkter persönlicher Bedürfnisse
der Hilfe in bestimmten Situationen. Nicht über die Kneipe oder den
Verein, in denen man ganz andere Dinge zusammen macht, als die, die man
vielleicht grade braucht. Aber ich möchte hier auf einen anderen Aspekt
abheben. Die Grenze von sozialem Engagement ist da erreicht, wo man sich
ausgenutzt fühlt. Niemand wird sich auf Dauer einer Situation aussetzen,
in der das Gefühl des ausgenutzt werdens aufkommt. Ich sage nicht,
daß sich niemand auf Dauer ausnutzen ließe; in ökonomische
Hinsicht, aber auch emotional gibt es das sehr wohl. Aber das Gefühl
des Ausgenutzt werdens verhinder soziales Engagement - selbst da, wo
es dringend angebracht wäre.
Vielleicht hat es etwas mit Selbstwert zu tun; wahrscheinlich ist es
ein Gemisch von Gefühlen und Wertesystemen, das entscheidet, ob ich
z.B. das zusammenleben mit Kindern als belastende Arbeit oder beglückende
Selbstverwirktlichung empfinde (um im Beispiel zwei extreme zu nennen).
In Tauschringen können mit der Zeitwährung (oder ganz freien
Verrechnungssystemen) andere Wertesysteme ausprobiert werden. Sich ausprobieren
im Zusammensein mit Menschen, die ähnliche Ideen teilen und i.d.R.
Vertrauensvorschuß geben, aber außerhalb des ganz persönlichen
Rahmens wo möglicher Weise Empfindlichkeiten berücksichtig weden
müssen und die Menschen sich nicht unbedingt ganz frei entscheiden
können, an einem Experiment mitzuwirken. Die gemachten Erfahrungen
aus dem Tauschring können helfen, sich selbst und die eigenen Wertesysteme
besser kennen zu lernen, zu hinterfragen und zu verändern.
Wenn es sich komisch anfühlt, eine Hilfeleistung z.B. gegen ein
Lächeln einzutauschen, dann gilt immer noch die Zeitwährung und
ich kann nach getaner Arbeit die Zeit aufschreiben. Dann war es wenigstens
keine Vertane Zeit.
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