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Johannes "Hanni" Zettl

Erkenntnisse und Lehren für die Gegenwart

Im Rückblick kann das kategorische Verbot der Selbsthilfe-Aktionen zur Belebung der Wirtschaft zum Zeitpunkt der großen Weltwirtschaftskrise nur als tragisch gewertet werden. Denn wenn es damit auch sicher nicht gelungen wäre, die Wirtschaft sofort wieder auf Hochtouren zu bringen, so hätte der Krise doch manches von ihrer Schärfe genommen werden können, was sich möglicherweise auch politisch ausgewirkt hätte.

Nachdem neuerdings der Nobelpreisträger Friedrich A. von Hayeck das Notenbankmonopol der Zentralnotenbanken wegen Ineffizienz und Kontraproduktivität massiv kritisiert und - ohne allerdings auf viel Gegenliebe zu stoßen - die Errichtung untereinander konkurrierender privater Emissionsbanken gefordert hat, drängt sich die Frage auf, ob es nicht an der Zeit ist, die nach zunächst so erfolgversprechendem Verlauf 1931 in Deutschland und 1933 in Österreich aus politischen Motiven unterdrückten Experimente unter gewissenhafter wissenschaftlicher Kontrolle zu wiederholen. Angesichts der fortschreitenden Automatisierung der Produktion und der verständlichen Neigung der Unternehmer, Investitionen vorwiegend unter dem Gesichtspunkt der Rationalisierung zu tätigen, sprich, mit dem Ziel, Arbeitskräfte einzusparen. So wird weit eher mit einem weiteren Anstieg als mit einem Abbau der Arbeitslosigkeit zu rechnen sein. Das aber bedeutet, daß künftig im formellen (gegenständlich-materiellen) Wirtschaftssektor immer weniger Menschen unterkommen werden und immer mehr in den informellen (nichtmateriellen) Sektor abgedrängt werden, wo sie oft nur eine Scheinselbständigkeit mit unwägbaren persönlichen Risiken sowohl hinsichtlich ihres Einkommens wie auch ihrer Absicherung gegen die Wechselfälle des Lebens erwartet, ganz zu schweigen von der Lösung der Frage, wie die nahezu unbegrenzt vorhandene Arbeit im informellen Teil einmal bezahlt werden soll.

Es würde somit nur dem auch sonst in der Wissenschaft als allgemeinverbindlich geltenden Prinzip entsprechen, praktische Versuche zur Lösung dieses in seiner Bedeutung für die moderne Gesellschaft gar nicht hoch genug einzuschätzenden Problems der "Trial-and-error-Methode" zu unterwerfen. Experimente der oben beschriebenen Art müßten also zumindest vom Grundsatz her zugelassen werden. Zu empfehlen wäre die Errichtung einer am besten dem Wissenschaftsministerium direkt zu unterstellenden Zentralstelle, der alle geplanten Versuche gemeldet und nach einer noch zu erlassenden Vorschrift in regelmäßigen Abständen Berichte erstattet werden müßten.

Aus rein praktischen Gründen würden sich fürs erste wohl ausschließlich Experimente nach Art des Wörgler Modells empfehlen, an dem nichts Entscheidendes geändert werden müßte. Denn bei den wie auch immer zu benennenden "Arbeitsbescheinigungen" brauchte nur das umständliche Aufkleben von Wertmarken durch das Abstempeln in Automaten ersetzt werden, wie sie für die Lösung von Fahrkarten heute schon jedes Schulkind beherrscht. Darüber hinaus erscheint auch eine bargeldlose Abwicklung als durchaus nicht mehr unmöglich.

Es dürfte heute in Deutschland wohl kaum eine Stadt oder Gemeinde ohne mehr oder minder dringende Aufgaben geben, die ausschließlich aus finanziellen Gründen nicht erledigt werden können. Die Palette reicht von der Instandhaltung ständig verschmutzter, stinkender öffentlicher Toiletten und mit Abfällen und Müll übersäter Straßen, Plätze und öffentlicher Erholungsräume über die Hilfe für Alte und Behinderte, über Dienstleistungen in Krankenhäusern sowie die Einrichtung und den Betrieb von Räumen für Jugendtreffs bzw. zur Beschaffung und Herrichtung von Wohnraum für Obdachlose, darunter, welche Schande!, auch obdachloser Mütter mit Säuglingen und kleinen Kindern. Wenn, wie als selbstverständlich vorausgesetzt werden muß, die "Arbeitsbestätigungsscheine", oder wie man sie auch immer nennen will, weder auf das Arbeitslosengeld noch auf die Arbeitslosenhilfe angerechnet werden, würde es mit Sicherheit geradezu einen Run auf die gebotenen Arbeiten geben. Das Gefühl, wieder etwas Sinnvolles tun zu können, würde vielen, vor allem Jugendlichen, wieder Halt geben. Ob es auch für die Resozialisierung bereits verwahrloster Jugendlicher ausreichen würde, mag dahingestellt bleiben. Immerhin aber wäre dem weiteren Abgleiten Jugendlicher in die Verwahrlosung ein wirksamer Riegel vorgeschoben.

Wichtig wäre zudem auch, die Jugendlichen wieder zu einem sparsamen Umgang mit Geld anzuhalten. "Den Arbeit leistenden Arbeitslosen" müßte also dabei geholfen werden, ihr zweifellos selbstverdientes Geld im Blick auf spätere größere Ausgaben einigermaßen "richtig" anzulegen.

Wie sich jederzeit nachprüfen läßt, hat das "Wunder von Wörgl" authentisch gemacht, daß das Projekt seines Bürgermeisters Unterguggenberger sich nicht nur selbst finanzieren konnte, sondern darüber hinaus auch noch zu erheblichen Überschüssen führte, die es der Gemeinde Wörgl ermöglichten, einen großen Teil ihrer drückenden Schuldenlast zu tilgen.

Doch im Grunde handelte es sich hier um kein Wunder. Denn bei genauem Hinsehen zeigt sich, daß Unterguggenberger nur im kleinen und in vereinfachter Form das vorweggenommen hatte, was Hilmar  Schacht wenig später in großem Stil zur Ankurbelung der am Boden liegenden deutschen Wirtschaft unter der Bezeichnung "Mefowechsel" zum Einsatz brachte.

Was wäre uns und der ganzen Welt erspart geblieben, wenn die Instrumente, die dem Nationalismus seine Wahnsinnstaten erst ermöglichten, beizeiten von friedliebenden demokratischen Staaten eingesetzt worden wären!

Sollte das nicht Mahnung genug sein, den Faden dort wieder aufzunehmen, wo er einst mutwillig zerissen wurde! Die Möglichkeit dazu ist jeden Tag gegeben, allerdings nur für diejenigen, die die Macht in den Händen halten.

Der geschilderte Prozeß läßt sich übrigens auf einen ganz einfachen und klaren Nenner bringen, nämlich: Wenn in einem Wirtschaftsraum im Überfluß vorhandenes Realkapital brachliegt und zudem auch noch zahlreiche arbeitsfähige und arbeitswillige Menschen keine Beschäftigung finden, besteht die Möglichkeit, über "Arbeitsbestätigungsscheine", die mit einer Umlaufsicherung ausgestattet sind, einen Ergänzungsmarkt zu schaffen, auf dem sowohl Einkommen als auch nachgefragte Güter entstehen.

Eine Aufweichung der offiziellen Währung läßt sich durch die in das zusätzliche Tauschmittel eingebaute Umlaufsicherung mit absoluter Sicherheit ausschließen. Die Stabilität der Währung wird vielmehr ganz im Gegenteil durch die bessere Auslastung der Produktivkräfte bzw. die Erhöhung der Güterproduktion und die finanzielle Entlastung von Staat und Sozialversicherung eher noch verstärkt. Damit erweist sich der Ergänzungsmarkt als Königsweg zur Überwindung der gegenwärtigen wie auch künftiger Krisen.
 



Literatur:

Sibylle Tönnies: "Arbeitsdienst? - Wir sollten unbeschäftigte Jugendliche von der Straße holen - Warum nicht"

DIE ZEIT Nr. 29, 12. Juli 1996, S. 53
 
 

Weitere Literatur bei den Verfassern:
Dr. Ferdinand Oeter
Reinhold-Frank-Straße 39
76133 Karlsruhe

Dipl. Ökonom Werner Onken
Steenkamp 7
26316 Varel 2
 

© 1998 Johannes "Hanni" Zettl
http://www.anhalt.net/doemak/texte/chrono_l.htm

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