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Bundestreffen der Tauschringe vom 29.9. – 1.10. 2000 in Karlsruhe

Ergebnisprotokoll: Workshop - Tauschringe im Ausland

"SINTRAL – Selbsthilfe und Eigenproduktion contra wirtschaftliche Abhängigkeit: bedarfsorientierte Kooperationsringe in Ecuador"

Leitung: Mauricio Wild aus Ecuador

Protokoll: Elisabeth Hollerbach, München

Anwesend: 35 Personen


Mauricio Wild erzählte einleitend über das Kindergarten- und Schulprojekt PESTA in Ecuador, das er und seine Frau Rebeca Wild vor 23 Jahren gegründet haben und seither leiten.

"Niemand kann andere erziehen, jede Erziehung bedeutet Zwang auszuüben – dem anderen die eigenen Vorstellungen und Erwartungen aufzudrücken", sagte er, und Schule im üblichen Sinn heißt, Menschen in ihren Entfaltungsmöglichkeiten zu behindern und einzuengen. Die Voraussetzungen für eine freie Entfaltung des Menschen ist ein respekt- und liebevoller Umgang miteinander. Die Kinder im PESTA lernen in einer vorbereiteten und entspannten Umgebung nach eigenen Bedürfnissen, selbstbestimmt. Sie entwickeln unter diesen Bedingungen Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten und eignen sich Wissen aus praktischen Erfahrungen an.

Die wirtschaftliche Situation in Ecuador hat sich in den letzten Jahren dramatisch verschlechtert, so dass viele Eltern das Schulgeld nicht mehr bezahlen konnten/können. Aus diesem Grund baute Mauricio Mitte der 90er Jahre einen zinslosen Spar- und Darlehenring auf, der bald auf ein LETSystem ( auf Spanisch heißt dieses SINTRAL) umgestellt wurde. Der Tauschring hat inzwischen über 300 Mitglieder und blüht und gedeiht. Im PESTA können Eltern, deren Konten ein Guthaben ausweisen, 30 % des Schulgeldes in SINTRAL-Währung bezahlen.

Durch die Dollarisierung des Landes nimmt nun das Ausmaß der Verarmung weiter Bevölkerungskreise ungeahnte Ausmaße an. Einen Ausweg, so Mauricio, bildet da die Möglichkeit, sich unabhängig von der Dollarisierung, von den bestehenden Wirtschaftssystemen zu machen. "Aus Verzweiflung" zog er drei Monate lang durch das Land und initiierte die Gründung von alternativen Wirtschaftssystemen. Über 80 SINTRAL-Gemeinschaften, wirtschaftliche Selbsthilfegruppen, entstanden in kurzer Zeit, und im Juni fand ein erster SINTRAL-Kongreß statt.

Alternatives Wirtschaften muß sich am Bedarf orientieren, an Qualität und Nachhaltigkeit. Für die SINTRAL-Gruppen kommt deshalb nur der Einsatz von überschaubarer Technik infrage. Aber daran fehlt es noch überall.Es fehlt an Getreidemühlen und Reisschälmaschinen, an Nähmaschinen, an Plänen für alternative Techniken, z.B.. Um zu ersten Selbsthilfeausstattungen zu kommen, sind "Patenschaften" bzw. Austauschbeziehungen mit europäischen Organisationen, Tauschsystemen denkbar. Diese könnten monatlich einen bestimmten Betrag zahlen.. Von den z.B. angenommenen DM 10.—werden DM 5.—in ein bestimmtes Projekt investiert, die andere Hälfte als alternative Währung gutgeschrieben, einzulösen durch Besuch z.B. des im Juni/Juli 2001 geplanten alternativen Wirtschaftskongresses in Ecuacor, wo Übernachtung und Verpflegung verrechnet werden können.

Ein großer Teil der Anwesenden ist bereit, an einem Austausch- und Unterstützerkreis teilzunehmen. Im

Nachhinein und während des Bundestreffens haben sich auch die französischen und italienischen Vertreter/innen von Tauschringen solidarisch erklärt. Für ein entsprechendes Netzwerk ist Elisabeth Hollerbach die Ansprechpartnerin.

Spontane Geldspenden wurden vor Ort gesammelt, weitere sind möglich auf das Konto von Mauricio Wild: UBS St. Gallen Multerdar, Nr. 254-LO 29 400 60.

In der Diskussion wurde der pädagogische Ansatz hinterfragt – aber auch die Frage nach Wertigkeiten aufgeworfen. "Wer verdient, was er verdient?" – und "Wie wird was bewertet?"

Paulina H. aus Ecuador, Mutter eines Kindes im Pesta und eine Mitstreiterin von Mauricio, erzählte sehr lebendig von den regelmäßig stattfindenden Märkten, von einem, auf dem alles den gleichen Preis hatte.

Und Mauricio zur Preisfindung: Wenn einer am Verdursten ist, was ist ihm dann ein Glas Wasser wert?

Wenn einer im Wasser schwimmt, was ist diesem das Glas Wasser wert?

Die Situation der Menschen in Ecuador und der in Europa ist sehr unterschiedlich. Was die einen im Überfluß haben, mangelt den anderen. Uns mangelt es an Zeit, den anderen an Grundlagen zum Überleben. Wir können von einander lernen, uns aufeinander zu bewegen – austauschen, aber jeweils nicht aus einer Überlegenheitsposition heraus. Leben heißt Geben und Nehmen!

Elisabeth Hollerbach
München. den 6.10.00

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